Manche in Österreich schwärmen weiterhin traumverloren von der dynastischen Größe der untergegangenen Donaumonarchie. Otto Habsburg-Lothringen, der am vergangenen Sonntag seinen 98. Geburtstag beging, repräsentiert für sie das gute Erbe dieses Imperiums: ein verdienstvoller Europäer und ein konservativer Edelmann mit hohen Ansprüchen an Moral und Anstand.

Politisch goss er diese Einstellung in ein Gebot, das da lautet: Niemals dürfe man einer autoritären Macht nachgeben. Die Forderung, im Einklang mit der christlichen Ethik mutig und entschlossen zu handeln, entspricht dem Lebensprinzip des früheren Europa-Abgeordneten. Mit seinem Eintreten gegen Nationalsozialismus und Kommunismus lieferte er die Probe aufs Exempel.

Gar nicht in dieses vornehme Bild passt aber die Sympathie des Kaisersohns für den Caudillo Francisco Franco, der 1936 einen erbitterten Bürgerkrieg gegen die spanische Volksfrontregierung entfesselte. Hitler und Mussolini lieferten dem Putschisten damals die entscheidende Waffenhilfe. Nach seinem Sieg etablierte der erzkatholische General in Spanien ein brutales, totalitäres Regime, das bis zu seinem Tod 1975 Bestand hatte.

Just mithilfe des Faschisten Franco startete Habsburg 1952 sein politisches Engagement, das später in der Paneuropa-Union münden sollte. Sogar die spanische Krone soll ihm der Diktator einmal angeboten haben. Und ausgerechnet diesem Franco wurde auf Geheiß von Otto Habsburg die Goldmedaille des Stiftes Mariazell, des Gnadenorts der Alma Mater Austriae, überreicht, wie nun Akten aus dem Staatsarchiv belegen, die lange unentdeckt in den Regalen geschlummert hatten, weil sie einst in einen falschen Bestand eingeordnet worden waren. Die aufgetauchten Dokumente erzählen die Geschichte eines diplomatischen Eklats.

Österreichs Botschafter in Madrid, Clemens Wildner, traute seinen Augen nicht, als er am 14. Dezember 1956 die Zeitung aufschlug. Die Beziehungen zu Spanien waren korrekt, nicht mehr. Das Franco-Regime war lange Zeit isoliert, erst von 1953 an – mitten im Kalten Krieg – bekam die Ächtung durch ein Militärabkommen mit den USA erste Risse. Warum wohl, fragte sich der Diplomat, überreichte der Abt des Stiftes Mariazell, Gabriel Beda Döbrentei, dem Caudillo (Führer) am 11. Dezember "für Österreich" die goldene Medaille seines Marienheiligtums?

Dem österreichischen Botschafter ist die Ehrung des Diktators peinlich

Der Benediktiner schmückte die Zeremonie mit pathosschweren Worten. Die beiden Länder, so der enge Bekannte des damaligen Thronprätendenten Habsburg, seien durch die "glühende Liebe" zur Gottesmutter fest vereint. Er wünsche, dass diese Medaille "das Symbol für eine tiefe Freundschaft zwischen dem katholischen Spanien und dem katholischen Österreich sein möge". Tags zuvor hatte Pater Beda eine Pressekonferenz gegeben. Mit dabei war auch José Ignacio de Valdeiglesias, Generalsekretär des Centro Europeo de Documentación e Información (CEDI). Otto Habsburg hatte den Elitezirkel vier Jahre zuvor mit finanzieller Unterstützung der spanischen Regierung in Madrid gegründet und führte den Vorsitz. Das Ziel: eine Einigung Europas unter christlichen Vorzeichen – und das Ende der Isolation des Franco-Regimes.

Am 15. Dezember kabelt Botschafter Wildner an Außenminister Leopold Figl in Wien, dass die Überreichung weit über den Rahmen einer privaten Angelegenheit hinausgegangen sei: "Ob es taktvoll und geschickt war, gerade hier in Spanien, im Lande einer Diktatur, welche in keiner Weise von der Majorität der Bevölkerung getragen wird, eine solche Geste zu machen, mit allem Drum und Dran, muss ich sehr bezweifeln." Viele seiner Kollegen hätten von ihm eine Erklärung verlangt. Pater Beda habe am Telefon mitgeteilt, "dass die Verleihung durch Vermittlung Ottos von Habsburg arrangiert worden sei". Das Außenamt wusste Bescheid: Bei Besprechungen mit Mitarbeitern von Figl – einem Förderer von Mariazell – war beschlossen worden, die Botschaft aus der heiklen Sache herauszuhalten. Nicht zuletzt weil Staatssekretär Bruno Kreisky dem Mariazeller mitgeteilt hatte, die Beziehungen zu Spanien seien zwar korrekt, aber keinesfalls freundschaftlich.

Im Kampf gegen Stalin wird selbst ein faschistischer Despot zum Freund

Wildner war der Wirbel peinlich. Es handelte sich nicht um irgendeinen Taler. 1955 in der Tradition des Mariazeller Türkenpfennigs als Befreiungsmünze geprägt – mit dem Hintergedanken, Geld für die Kirchenrenovierung aufzutreiben –, wurde die Medaille zur hohen Auszeichnung für konservative Leitfiguren. Neben Franco wurden Portugals Diktator Salazar, Papst Pius XII. oder Konrad Adenauer, aber auch Otto selbst und dessen Mutter Zita damit bedacht. Dem Hardliner Beda gelang es, Mariazell, das Reichsheiligtum der Habsburger, bekannt zu machen. Franco revanchierte sich und finanzierte die Erneuerung der Jacobus-Kapelle.

Woher stammte Otto Habsburgs enge Verbindung nach Spanien? Nach zwei Restaurationsversuchen seines Vaters Karl, des letzten regierenden Habsburgers, wurde die Familie nach Madeira verbannt. Dort starb Karl im April 1922. Auf Einladung des spanischen Königs Alfonso XIII. übersiedelte die Familie in das baskische Fischerdorf Lequeitio. Dort kam Otto in Kontakt mit Francos Bruder Nicolas. 1929 ging er zum Studium nach Belgien, stets eine Rückkehr auf den Thron, für den er erzogen worden war, im Blick. Doch der Wunsch erfüllte sich nicht. Nach dem Anschluss seiner Heimat an das Nazi-Reich wurde Otto Habsburg zum Landesverräter erklärt. Auf der Flucht machte er im Juni 1940 in Bordeaux Station, um für österreichische Flüchtlinge Ausreisepapiere zu organisieren. Entgegen der Anweisung seiner Regierung stellte der portugiesische Generalkonsul tagelang Tausende Visa aus. Doch damit die Flüchtlinge – unter ihnen auch Kommunisten, die im Bürgerkrieg gegen Franco gekämpft hatten – Portugal erreichen konnten, mussten sie zunächst Spanien durchqueren. "Und Franco hat sie durchgelassen", erinnerte sich Habsburg später. "Das werde ich ihm nie vergessen."

Nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges stellte sich Europa die Frage der politischen Neuordnung. Die Vision des französischen Ministerpräsidenten Robert Schuman, Europa zu einer Staatengemeinschaft zu vereinen, fand zunächst wenig Widerhall. Schuman plagte vor allem die Frage, wie man den Zerfall Europas in Ost und West vermeiden könne. Für Habsburg lag der Schlüssel im Christentum – und dabei sollte Spanien, weil streng antisowjetisch und katholisch, eine wichtige Rolle spielen. Das Land, in dem sich der austrofaschistische Traum eines katholischen Gesellschaftsentwurfes verwirklicht hatte. So gesehen betrieb Otto pure Realpolitik. Der Feind seiner Feinde, ein skrupelloser Antidemokrat, wurde zu seinem Freund. Ob das eine akzeptable Position war, aus der heraus man Brandts Realpolitik gegenüber der Sowjetunion glaubhaft attackieren, das Selbstbestimmungsrecht der Völker anmahnen oder die ungeteilte Freiheit aller Individuen einfordern konnte? Kritisch auf Franco angesprochen, sagte Habsburg 2004, dieser habe es ja ermöglicht, Juden vor der Nazi-Verfolgung zu retten. Außerdem habe der Kampf gegen die Stalin-Diktatur damals Vorrang gehabt. Auch vier Jahre später, auf die Frage, warum er mit den Caudillos in Spanien und Portugal so gutes Einvernehmen herstellen konnte, die Antwort: Diese hätten sich ja geweigert, die Juden in ihren Ländern an das NS-Regime auszuliefern.

In Spanien war die Opposition zertrümmert, der Vatikan die einzige Stütze des Regimes. So fand der Eucharistische Weltkongress 1952 in Barcelona statt. Auf dieser Veranstaltung traf Alfredo Sánchez Bello, ein enger Mitarbeiter des Außenministers Alberto Artajo, den streng katholischen Erzherzog und zeigte sich tief beeindruckt. Bei einem Treffen vereinbarten der spanische Diplomat und der Kaisersohn, ein Zentrum zur Mobilisierung der christlichen Kräfte in Europa zu gründen. Ergebnis war das CEDI, das Zweigstellen in ganz Europa eröffnete.

Der Ministerberater Sánchez Bello sah in dem Oberhaupt der Familie Habsburg sogar den idealen Mann, das christliche Erbe Spaniens fortzusetzen, wie er einem Journalisten erzählte. Otto sollte als Kandidat für die spanische Krone nach dem Ableben Francos ins Gespräch gebracht werden. Doch für den Diktator war das nie eine Option, von einem Angebot kann keine Rede sein. Der Innsbrucker Zeithistoriker Klaus Eisterer sieht darin eine Legende ohne einen stichhaltigen Beleg. Franco sei es immer nur darum gegangen, seine Herrschaft abzusichern. Ein österreichisches Blaublut als Kandidat für den Thon in Madrid hätte nur die spanischen Monarchisten, Anhänger der Bourbonen, gegen sein Regime aufgebracht. Franco beabsichtigte lediglich, den Kaisersohn dazu zu benutzen, seine internationale Stellung zu verbessern.

Dem zu diesem Zweck ins Leben gerufenen Europainstitut CEDI gelang es, konservative Größen, etwa Franz Josef Strauß, das Schwergewicht aus Bayern, nach Spanien zu lotsen. Der Aufbau Europas fand allerdings andernorts und unter anderen geistigen Auspizien statt. Diktator Franco verachtete folgerichtig die Vorläufer der Europäischen Union als eine Hochburg der Freimaurer, Liberalen und Christdemokraten, die alle in Widerspruch zu den Ideen standen, die das Europainstitut des Habsburgers propagierte, das der Diktator finanzierte. Erst nach dem Übergang Spaniens zur Demokratie drehte die neue Regierung dem CEDI den Geldhahn zu.

In all den Jahren blieb Österreich für den Sohn des letzten Kaisers Sperrgebiet, auch nachdem er 1961 auf seine Herrschaftsansprüche verzichtet hatte. Der Widerstand der SPÖ verhinderte seine Einreise. Bruno Kreisky, damals Außenminister, erteilte allen Konsulaten die Weisung, den spanischen Diplomatenpass nicht anzuerkennen, den das Franco-Regime Otto Habsburg ausgestellt hatte. Mitverantwortlich für die sozialistische Ablehnung war auch das enge Verhältnis des Kaisersohns zu dem spanischen Faschisten.