An einem mangelt es jedenfalls nicht: an Meinungen zum Fachkräftemangel . Er sei bloß eine "Fata Morgana", schrieb Karl Brenke, Arbeitsmarktexperte am Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung (DIW), vergangene Woche in einer Studie. Eher drohe in einigen Bereichen eine "Fachkräfteschwemme". Anderslautende Berechnungen des Instituts der deutschen Wirtschaft Köln (IW) seien "empirisch nicht fundiert". Zur gleichen Zeit verkündete ausgerechnet Brenkes Chef das glatte Gegenteil: Das Fachkräfteproblem sei echt. "Der Mangel", schrieb DIW-Präsident Klaus Zimmermann in einem Papier zur Zuwanderungspolitik, "ist inzwischen auf fast allen Ebenen unseres Beschäftigungssystems erkennbar". Das IW wiederum konterte: Brenkes Berechnungen seien falsch. Und zu allem Überfluss änderten Zimmermann und Brenke in der Zwischenzeit auch noch ihre (veröffentlichten) Meinungen. Beim DIW-Chef ist nun von einem "kurzfristig noch gut beherrschbaren, punktuellen Bedarf an Fachkräften" die Rede, und sein Mitarbeiter behauptet, über "mittel- und längerfristige Trends" habe er gar nichts sagen wollen (die Gegenvorwürfe des IW seien allerdings falsch).

Man kann also, empirisch fundiert, mindestens von zwei Experten und vier Meinungen sprechen. Eine Wissenschaftsposse. Allerdings stecken hinter ihr ernst zu nehmende Fragen: Was wissen wir tatsächlich über den Fachkräftebedarf ? Investiert der Staat womöglich Milliarden in falsche Bildungszweige? Strömen Hunderttausende Schulabgänger in verkehrte Ausbildungsgänge? Braucht das Land wirklich mehr Zuwanderung? Der Fachkräftemangel ist ein gesellschaftlich hochbrisantes Thema – doch gründlich erforscht ist er nicht. Das zeigt der Expertenstreit um die DIW-Studie. Deutlich wird außerdem: Ein allgemeines, regionen- und branchenübergreifendes Defizit an gut ausgebildeten Arbeitnehmern ist bisher nicht auszumachen.

Zuletzt hat sich die Lage den DIW-Zahlen von Brenke zufolge sogar entschärft. Die Löhne der angeblich so begehrten Fachkräfte, stellt der Forscher fest, entwickelten sich im Durchschnitt nicht besser, sondern schlechter als die der ganz normalen Arbeitnehmerschaft. Auch gebe es im Bereich der naturwissenschaftlich-technischen Berufe, wo der Bedarf besonders hoch sein solle, heute keineswegs mehr Beschäftigte, sondern mehr Arbeitslose als früher. Beides spreche gegen einen Mangel.

An diesen beiden Punkten bezieht sich die Untersuchung allerdings nur auf den Zeitraum 2008 bis Mitte 2010. Also auf den tiefsten wirtschaftlichen Absturz in der Geschichte der Bundesrepublik und die schrittweise Erholung. Dass die Industrie in dieser Zeit Mitarbeiter entließ und ihr Fachkräftebedarf schrumpfte, überrascht kaum. Brenke hält der Arbeitgeberlobby vor, trotzdem über Besetzungsprobleme geklagt zu haben.

Zudem drohe in manchen Bereichen schon eine Fachkräfteschwemme. Die Zahl der Studenten sei gestiegen. So studierten an den Hochschulen derzeit 169.000 junge Leute Maschinenbau, Verfahrenstechnik und verwandte Ingenieurfächer, während es nur 179.000 sozialversicherungspflichtig Beschäftigte mit dieser Qualifikation gebe. Daher müssten in den nächsten fünf Jahren schon sämtliche Ingenieure dieser Ausrichtung in den Ruhestand gehen, damit genügend Stellen für die Absolventen frei würden. Noch extremer sieht der Vergleich in Physik und Mathematik aus: Dort stehen 70.000 Studierenden nach DIW-Berechnung nur 24.000 Beschäftigte gegenüber.