Meine Modellschule

Was geschieht mit unserer Schule? Das fragen sich inzwischen auch Menschen, die nicht direkt mit ihr zu tun haben. Manche beschwören die Zeiten der guten alten Schule. Man stellt, je nach Ideologie, Forderungen: mehr Geld, mehr Leistung, mehr Eigenverantwortung, mehr Disziplin.

Ich skizziere im Folgenden, wie die Schule in 20 Jahren aussehen könnte. Ich beschreibe nicht mein Wunschszenario, und es sind keine utopischen Visionen darunter. Vieles ist bereits Tatsache oder in die Wege geleitet. Einiges ist nicht mehr umkehrbar. Das meiste ist den Beteiligten wohlbekannt. Was bisher fehlt, ist eine Übersicht, in welche Richtung es geht. Sie könnte – dies die Hoffnung – die Grundlage einer breiten Diskussion über die Frage sein, wie die Schule der Zukunft aussehen soll.

1. Der Schüler, die Schülerin: Die Schule ist nicht mehr dominiert von Lehrplänen, die Kindern vorschreiben, was sie brauchen und was sie lernen sollen. Jedes Kind wird individuell gefördert. Seine Bezugspersonen, Kindergärtnerinnen, Lehrerinnen, sind so ausgebildet, dass sie jedes Kind spezifisch erfassen, begleiten und fördern können. Die Bildungsjahre beginnen für die meisten Kinder mit vier Jahren in der Bildungsstufe 1 (Altersspanne Vier- bis Achtjährige). Die Eltern bestimmen, wann die Kinder in diese eintreten. Allerdings kann das Kind erst in die Bildungsstufe 2 (Altersspanne Acht- bis Zwölfjährige) übertreten, wenn es definierte Kennwerte erreicht hat. Das kann auch früher geschehen. Jahrgänge sind nebensächlich.

Jedes Kind hat eine Lehrperson, von der es gecoacht wird. Alle relevanten Bereiche wie die Entwicklung der Denkleistung, Persönlichkeitsbildung oder sozialen Entwicklung sind genau und transparent erfasst. Noten und Zeugnisse braucht es nicht mehr. Mittels eines Passworts können die Eltern jederzeit auf dem Schulserver den Stand ihres Kindes nachvollziehen. Die Kinder (und Schulen) können untereinander verglichen werden, auch über den Kanton, das Land, den Globus hinweg – wie jetzt schon bei Pisa.

An den sogenannten Standortgesprächen sind die Kinder immer mit dabei. In diesen Gesprächen werden auch Ziele festgelegt. Das Kind – seinem Alter entsprechend – und die Eltern sind in der Verantwortung. Verantwortung kann nicht an die Lehrer oder an die Gesellschaft delegiert werden.

Die Schule wird von sieben Uhr morgens bis sieben Uhr abends offen sein

Kinder lernen auch in 20 Jahren in der Gruppe. Kein Computer kann Menschen ersetzen. Es gibt eine Vielzahl von Methoden und Programmen, die Gruppen- und Einzelunterricht ermöglichen. Die gute Mischung zu finden, die Richtigen auszuwählen, auf technische Hilfsmittel sinnvoll zurückzugreifen, das ist die Herausforderung.

Es gibt keine festgelegten 15 Wochen Schulferien mehr, es wurden gleitende Arbeitszeiten eingeführt. Neben Monaten mit hoher Intensität (Mitte Februar bis März, Mai bis Juni, September, November), wo Abwesenheit nur mit besonderer Bewilligung möglich ist, gibt es Perioden, in denen die Eltern ihre Kinder beliebig aus der Schule nehmen und sich ihnen widmen können. Eltern und Kinder sind freier in der Gestaltung der Zeiten.

 

Die Schule ist prinzipiell von sieben Uhr morgens bis 19 Uhr abends offen. Präsenzzeiten und Gleitzeiten sind definiert. Geschlossen ist die Schule nur über Weihnachten und zwei Wochen im Sommer.

Es gibt keinen Schulausfall mehr, weil ein Lehrer krank ist oder weil Lehrer sich weiterbilden. Die Schule ist ein Team: Es ist immer jemand da, der Präsenz garantiert.

Es gibt weniger unnützen Unterricht. Heute messen wir Qualität am Unterricht des Lehrers. Wenn der Lehrer gut arbeitet, spielt es keine Rolle, ob ein Kind auch nach mehrjährigem Französischunterricht keinen geraden Satz herausbringt. In 20 Jahren ist das, was das Kind in diesem Unterricht lernt, der Maßstab. Wie die Lehrperson unterrichtet, mit welchen Hilfsmitteln, ob der Unterricht den Hochschulprofessoren oder den Eltern passt, spielt eine untergeordnete Rolle. Entscheidend ist, was bei den Kindern anschlägt. Wenn man feststellt, dass ein Kind oder ein Jugendlicher keine Fortschritte mehr macht (oder gar Rückschritte), wird der Unterricht geändert, so lange bis das Kind jene Entwicklung macht, die man erwarten darf oder die man sich zum Ziel gesetzt hat. So hat man Schulversagern effizient helfen können. Seit Kinder von flächendeckend wissenschaftlich orientierten Lehrpersonen systematisch erfasst, diagnostiziert und dann gezielt gefördert werden, ist es nicht mehr möglich, dass ein Teil der Kinder jahrelang zur Schule geht und eigentlich nichts lernt.

Lebenslanges Lernen heißt, sich immer neu zu finden und zu erfinden

Die dritte Bildungsphase beginnt etwa mit zwölf Jahren und dauert bis 16. Die ersten Entscheidungen fürs Berufsleben zeichnen sich ab. Jedes Kind ist begabt, nicht nur die Hochbegabten. Sportlich und musisch Talentierte müssen sich jetzt fokussieren. Auch die anderen Jugendlichen legen sich jetzt fest: entweder für eine weiterführende Schule oder für eine Berufslehre. Beides sind vorläufige Entscheidungen, sie hängen nicht vom intellektuellen Leistungsvermögen ab, sondern von individuellen Neigungen. Der Maturand spezialisiert sich im Studium. Genauso wird sich der Berufsschüler weiterbilden respektive weiter bilden. Spezialisierung und Förderung allgemeiner Begabung halten sich die Waage. Lebenslanges Lernen bedeutet nicht, sich ständig ändernden Anforderungen des Arbeitsmarktes anzupassen. Sondern es heißt, sich immer neu zu finden und zu erfinden.

2. Die Lehrerin – die Hochschule: Durch die sogenannte Tertiarisierung des Lehrerberufes, also durch die Tatsache, dass man den Beruf des Lehrers an einer Hochschule studiert, ist eine folgenschwere Veränderung der Schule bereits eingeleitet worden. Lehrerinnen und Lehrer sind bald flächendeckend Akademikerinnen. Diese zeichnen sich dadurch aus, dass alles, was sie tun, wissenschaftlich abgesichert oder zumindest evident ist. Die Lehrerin ist also in 20 Jahren eine anwendungsorientierte Wissenschaftlerin wie eine Ärztin – und nicht mehr eine Handwerkerin. Statt auf Erfahrung, auf die sie sich früher mehrheitlich stützen musste, greift die Lehrerin auf Modelle zurück, die die Wissenschaft erarbeitet. Dennoch ist gerade in einem solchen System Erfahrung wichtig: Je erfahrener die Lehrerin, desto besser kann sie abschätzen, ob und wie die wissenschaftlichen Modelle in der Praxis funktionieren und ob sie in der jeweiligen Situation angezeigt sind. Erfahrung und Modell werden so laufend einander gegenübergestellt.

Das hat weitere Konsequenzen: Die Lehrerin wendet viel weniger Zeit für die Unterrichtsvorbereitung auf. Die Hochschulen entwickeln laufend bessere Unterrichtsprogramme und Lernumgebungen. Der Mythos, dass der gute Lehrer alle Unterrichtsmaterialien selbst herstellt – eine tonnenschwere Last, unter der viele fast erdrückt wurden –, ist einer förderlichen Arbeitsteilung zwischen Forschung/Hochschule und Praxis/Lehrpersonen gewichen.

Die wichtigste Veränderung ist aber folgende: Die Ausbildung einer Kindergärtnerin und die einer Gymnasiallehrerin sind gleich lang und qualitativ gleichwertig. Folglich verdienen beide auch gleich viel. Im Moment entlohnen wir nach Ausbildungsdauer und nach der Differenzierung des Wissens, das jemand vermittelt. Entsprechend sind Kindergärtnerinnen die am schlechtesten, Professoren die am besten bezahlten Lehrpersonen. 

Wir haben lange Jahre falsch investiert. Für die Förderung der Kleinkinder gaben wir sehr wenig Geld aus, für die Volksschule nicht mehr als die anderen OECD-Länder, bei den Gymnasien und den Hochschulen explodierten die Kosten. Heute wissen wir: Es müsste genau umgekehrt sein.

Lehrer aller Stufen sind in 20 Jahren so gut entlohnt wie andere Akademiker. Nur die besten Anwärter haben Chancen, Lehrer zu werden. Es musste ein Numerus clausus eingeführt werden (wie heute schon beim Pisa-Besten Finnland). Leider ist der Traumberuf Lehrer für viele unerreichbar geworden. Die Abgewiesenen trösten sich mit einem Medizin- oder Ökonomie-Studium.

 

Den Lehrer als Alleinherrscher über eine Klasse gibt es nicht mehr. In einer normalen Primarklasse unterrichten, fördern und therapieren in der Regel acht bis zehn Lehrpersonen.

Es gibt neue Hierarchiestufen: Die Funktion der Klassenlehrerin als Leiterin des Teams ist deutlich aufgewertet worden. Den Umgang mit Eltern und das Coaching der Kinder liegt nicht allen Pädagoginnen. Deshalb kann sich der Lehrberufsanwärter prinzipiell zwischen zwei Berufsverläufen entscheiden. Entweder er wird Klassenlehrperson mit Verantwortung gegenüber den Kindern und den Eltern oder er wird Fachlehrkraft, oft mit einer pädagogischen Spezialisierung (wie Hochbegabtenförderung, Kunstvermittlung, Lernstörungs-Therapeutin, Gesundheitsförderung) – und mit reduzierter Verantwortung. Jeder Berufsweg sieht Karrieremöglichkeiten vor: von der pädagogischen Hilfskraft bis zur Hochschuldozentin oder zum Schulleiter.

Praxis lernt man in der Praxis. Der Junglehrer wird nicht mehr auf Anhieb als Klassenlehrkraft angestellt. Nach einer langjährigen erfolgreichen Berufseinführungsphase gliedert er sich Stufe um Stufe in das Lehrpersonen-Team ein.

Die Unberechenbarkeit der Politik beschäftigt die Schule weiter: Im Jahre 2025 ist eine Initiative angenommen worden, die verlangt, dass nur als Lehrperson angestellt werden kann, wer eine helvetische Mundart akzentfrei beherrscht und selbst Vater oder Mutter mindestens eines Kindes ist. Die Umsetzung bereitet Schwierigkeiten.

3. Die Schule: Kindergärten ohne örtlichen Bezug zur Primarschule sind verschwunden. Periphere Schulanlagen wurden geschlossen. Große, schöne, neue Schulanlagen sind wieder das Zentrum der Quartiere, der Dörfer geworden. Von der Kleinkindbetreuung bis zur Volkshochschule finden in ihren Räumen kontinuierlich Aktivitäten statt. An den Pausenplatz grenzt das Café, das Restaurant. Die Sportanlagen, die zur Schule gehören, werden von allen rund um die Uhr benutzt. Das Altersheim ist in einem Trakt der Schule untergebracht. Generationenübergreifende Projekte sind Routine. Die Schule ist Treffpunkt und gesellschaftliches Zentrum für alle und ein Ort permanenter kultureller Aktivität: Ausstellungen, Musikveranstaltungen, Filmnächte, Darbietungen und Lesungen. Vereine versammeln sich, Jugendclubs sind aufgeblüht. Die Schulmediathek ist 18 Stunden pro Tag zugänglich.

Die Schule vermittelt Wissen und Fertigkeiten (pardon: Kompetenzen) nicht nur an Kinder und Jugendliche, sondern mindestens in gleichem Maße an die Erwachsenen.

4. Das Bildungswesen: In der Schule bestimmt nur noch mit, wer pädagogisch qualifiziert ist. Politisch zusammengesetzte Gremien wie Schulkommissionen und Schulpflegen gibt es nicht mehr. Die Verantwortung für die Schule trägt die Schulleitung. Sie hat einen Leistungsauftrag und ist der Öffentlichkeit gegenüber Rechenschaft schuldig.

Die Kantone haben an Einfluss verloren. Es gibt ein Bildungsministerium, das das Bildungswesen zentral steuert. Innerhalb des definierten Handlungsspielraums handelt das Bildungssystem autonom. Wir staunen, wenn wir zurückschauen und feststellen, dass vor 20 Jahren die Aargauer Kinder noch anders lesen lernten als die Baselländer.

Der Autor ist Schriftsteller, sein jüngster Roman "Das andere Leben" ist bei Rotpunkt erschienen. Franco Supino arbeitet seit 20 Jahren auch als Lehrer.