Sieht so das Böse aus? Der Mann, der den Terror nach Deutschland bringt? Unrasiert, mit Oberlippenflaum und Ponyfrisur? Auf den ersten Blick wirkt Hayrettin Burhan S. nicht wie jemand, vor dem man sich fürchten muss. Er ist 23 Jahre alt, bis vor einem Jahr hat er in Berlin gelebt, in einer kleinen Wohnung im Bezirk Neukölln, völlig unauffällig. Doch dann wurde Hayrettin Burhan S. zu einem Kämpfer, einem "deutschen Taliban" , wie Geheimdienste ihn nennen.

Was – und wer – den jungen Mann geleitet hat, ist unklar, fest steht aber: Im September 2009 reiste der Berliner mit einem Freund nach Wasiristan, in jene bergige Region in Pakistan nahe der Grenze zu Afghanistan, in der das Gesetz der Clans gilt, nicht das des Staates. In mehreren Camps der Islamisten soll Hayrettin Burhan S. gelernt haben, zu schießen und Bomben zu bauen. Das jedenfalls behaupten deutsche Anti-Terror-Experten. Und jetzt, befürchten sie, sei S. als Gotteskrieger auf dem Weg zurück in seine Heimat. Oder längst schon hier. Sie wissen es nicht.

Es sind Phantome wie Hayrettin Burhan S., ihr plötzliches Verschwinden und die Angst vor ihrem Auftauchen, die Bundesinnenminister Thomas de Maizière (CDU) in der vergangenen Woche zu seiner eindringlichen Terrorwarnung getrieben haben. Das Bundeskriminalamt fahndet nach S. "in Verbindung mit der Planung von Terror-Attacken". Die US-Armee hat in ihren afghanischen Feldlagern Fahndungsplakate aufgehängt, seit Oktober sind die Fotos von S. auch in deutschen US-Kasernen zu sehen. Die Amerikaner nennen den Mann mit dem Oberlippenbärtchen "extrem gefährlich": Der Berliner hat einen deutschen Pass. Er ist hier geboren. Er spricht die deutsche Sprache. Er würde nicht auffallen in einer deutschen Metropole. Er findet sich zurecht. Er weiß, welche Orte symbolträchtig sind. Und er kennt die Plätze, an denen die Menschen glauben, sicher zu sein.

Wer die deutschen Fahnder in diesen Tagen nach Hayrettin Burhan S. fragt, bekommt widersprüchliche Antworten. Mal heißt es, der Fall S. sei ein "Anfasser" – Staatsschutz-Jargon für einen konkreten Ermittlungsansatz. Der Deutschtürke gehöre wahrscheinlich zu einem "Hit-Team", einer Terrorzelle mit bis zu sechs Attentätern, die jederzeit im "Mumbai-Stil" losschlagen könnten: Gebäude stürmen, Geiseln nehmen und ein Blutbad anrichten, wie es 2008 in der indischen Millionenstadt geschah .

Andere Fahnder dagegen sagen, S. sei "ein eigener Fall", der mit der momentanen Bedrohungslage vermutlich wenig zu tun habe.

Vermutlich, wahrscheinlich, eventuell – nach der Terrorwarnung des Ministers drängt sich jetzt der Eindruck auf, dass niemand Genaues weiß. De Maizières Warnung mag deshalb auch eine persönliche Absicherung gewesen sein. Und der Versuch, aus Bürgern Beobachter zu machen.

Das Gift der Angst tröpfelt in den deutschen Alltag. Ist diese Angst übertrieben? Unangebracht? Oder berechtigt? Wird die plötzliche Aufmerksamkeit der Menschen vielleicht einen Anschlag verhindern, so wie der New Yorker Straßenverkäufer, der im Mai dieses Jahres die Polizei wegen eines verdächtigen Autos alarmierte und so ein Bombenattentat am Times Square vereitelte?