Man sollte von Süden kommen, wenn man Furth besucht. Zudem steigt man am besten zuerst auf den Hügel kurz hinterm Friedhof. Nur von hier aus sieht man, was in Furth so normal geworden ist, dass die Gemeinde nahe Landshut ein ganz besonderer Ort ist. Dann weiß man auch, warum Touristen in das 3000-Seelen-Dorf kommen, obwohl die Kirche, der Marktplatz und das kleine Kloster keine sonderlichen Besuchermagnete sind. Die wahren Attraktionen sind die blauen Dächer von Furth mit ihren vielen Solarzellen, die noch blauer strahlen, wenn sich der Himmel in ihnen spiegelt. Und das Hackschnitzelheizwerk, das sich auf dem Klosterberg versteckt. Nur sein Schornstein lugt aus den Blättern hervor. In ein paar Wochen läuft es wieder auf Hochtouren.

Jeder zweite Further hat eine Solaranlage auf dem Dach. Photovoltaik liefert Strom, Solarthermie Wärme. Nicht nur Einfamilienhäuser sind damit gepflastert, auch das Rathaus, die Grundschule und sogar der Supermarkt. Zusammen produzieren die Further fast den kompletten Strom selbst, den sie verbrauchen, dazu die Hälfte der Wärme. Der Ort ist inzwischen die Solargemeinde Deutschlands, und Bürgermeister Dieter Gewies wird in seinem Stuhl ein wenig größer, wenn er das erzählt. "Wir haben als erste Gemeinde in ganz Deutschland den Entschluss gefasst, zu 100 Prozent auf erneuerbare Energie umzusteigen. In ein paar Jahren", sagt Gewies, "sind wir energieautark."

Was Furth kann, können auch andere: Einige Hundert deutsche Kommunen haben sich inzwischen den Weg zur Energieautarkie in die Satzung geschrieben. Dieter Gewies gab die 100-Prozent-Parole schon 1999 aus. Mag sein, dass seine Partei der Auslöser war, er ist bei den Grünen. Aber für ihn tut das wenig zur Sache. Er ist der einzige Grüne im Gemeinderat, der ansonsten fest in der Hand von CSU und Freien Wählern ist. Trotzdem haben alle mitgezogen und sind jahrelang mit ihm durchs Dorf getingelt, um den Bürgern die Solarzellen als gute Idee zu verkaufen und das Holzschnitzelheizwerk als sichere Sache.

Auch Josef Popp hat mitgemacht, der stellvertretende Bürgermeister. Der ist Freier Wähler, streitet aber seit 20 Jahren genauso für die grüne Sache. "Die Resonanz war anfangs heftig, da kamen viele böse Briefe", erinnert sich Popp, "die reichten von ›Das ist Wahnsinn!‹ bis ›Ihr wollt wohl die Gemeinde in die Pleite reiten?‹." Aber Popp ist ein Mann der Zahlen. Früher war er Finanzbeamter, heute ist er Steuerberater. Er wusste von Anfang an: Die Sache mit der Ökoenergie rechnet sich.

Heute weiß es das ganze Dorf. Wer als Erster eine Solaranlage hatte, streicht seit zehn Jahren Gewinne damit ein, für die private Haushaltskasse. Und die öffentliche Kasse spart jedes Jahr viel Geld, weil Schulen, Kindergarten und Altenheim am Heizwerk hängen und die Gemeinde nicht mehr für Hunderttausende Euro Heizöl kaufen muss. Da ist Furth kein Einzelfall: Der Umstieg auf erneuerbare Energien lohnt sich für Kommunen immer, sagt eine soeben erschienene Studie des Instituts für ökologische Wirtschaftsforschung (IÖW). Eine 5000-Einwohner-Gemeinde spart nicht nur rund 400.000 Euro an Energieausgaben, ihr fließen auch noch 760.000 Euro zu – durch den Verkauf von Strom und Wärme und dadurch, dass die Anlagen neue Arbeitsplätze schaffen, was wiederum Steuern bringt. In Furth lebt ein Heizungsbauer jetzt auch von Hackschnitzelkesseln; eine Solarfabrik baut Module für heimische Dächer.

Damit der Ausbau schneller geht, nimmt auch Josef Popp einiges selbst in die Hand. Längst nicht alle Häuser werden vom Heizwerk versorgt, auch seines nicht. Deshalb baut er gerade sein eigenes Holzheizwerk, versenkt dafür den Wert von vier Mittelklassewagen im Keller und finanziert das über die nächsten 20 Jahre dadurch, dass er neun Nachbarn mit Wärme versorgt. Die Anlage hätte in jedem größeren Kartoffelkeller Platz, das Sperrigste ist der drei Meter tiefe unterirdische Bunker vor der Haustür. Das einzig Verrückte daran: So was finden die meisten hier ganz normal, selbst die Kinder. Fragt man die, was an ihrem Ort besonders ist, rufen sie: die tolle Schule, der schöne Sportplatz – nur die Solardächer und das Heizwerk fallen keinem ein.

Auch im Rest der Republik werden inzwischen wie selbstverständlich Anlagen für die 100-Prozent-Versorgung gebaut. Schon die Hälfte aller Kommunen hat Pläne, wie sie Strom und Wärme künftig selbst produzieren können – für immerhin 35 Millionen Menschen, sagt Philipp Vohrer von der Agentur für Erneuerbare Energien. Gerade die kleinen Gemeinden sind tatkräftig dabei, "bei denen geht das auch leicht, die Früchte hängen tief". So kann sich Feldheim in Brandenburg ab sofort "erstes energieautarkes Dorf Deutschlands" nennen. Ein Windpark und eine Biogasanlage liefern Strom und Wärme. Der Ort hat ein eigenes Nahwärmenetz verlegt, was nicht allzu aufwendig war, weil es hier nur eine Hauptstraße und 150 Einwohner gibt. Vorreiter sind auch Jühnde, das Bioenergiedorf in Niedersachsen. Wildpoldsried, die Windgemeinde im Oberallgäu. Und das Solardorf Ascha in Niederbayern. Selbst Städte wie Prenzlau und Bamberg, der Harz mit 250.000 Bewohnern und sogar München arbeiten an Selbstversorgerkonzepten.