ZEIT: Und Thomas Mann?

Handke: Vor einiger Zeit habe ich ihn wieder gelesen. Ich mag diese Ironie nicht, diese herablassende, schnöselige Prosa. Das ist schon gekonnt, aber darin ist kein Luftzug. – Möchten Sie Tee?

Peter Handke geht in die Küche, um den Tee zu kochen. Er wohnt in Chaville, einem südwestlich von Paris gelegenen Vorort. An einer verkehrsreichen Straße öffnet sich zwischen zweigeschossigen Häusern ein Privatweg, eine kleine Koniferenallee, die zu einem von dichtem Efeu überwachsenen Tor führt. Das schöne, um 1900 erbaute Haus dahinter lässt sich durch die Gitterstäbe nur erahnen. Es steht inmitten einer Apfelbaumwiese. Der alte Esstisch, an dem wir sitzen, befindet sich in einem großen Raum, der fast das ganze Erdgeschoss ausfüllt und nach allen Seiten Blicke in den Garten erlaubt. Die Nachbarhäuser sind fast nicht zu sehen. Möbliert kann man das Zimmer nicht nennen, es gibt ein Sofa, ein paar Stühle, auf den Dielen einen Kelim, aber überall sind kleine Altäre aus Büchern und Bildern, aus Erinnerungs- und Fundstücken aufgebaut. Man spürt, dass hier ein ästhetischer Geist wohnt, der auf Farben, Formen und Blickachsen achtet. Auf dem Tisch liegen parallel angeordnet zahlreiche Schreib- und Zeichenstifte, daneben ein Bierdeckel mit geometrisch aufgeklebten seltsamen kleinen Gebilden, die an Pagoden erinnern. Es seien Eukalyptussamen, antwortet Handke auf meine Frage.

ZEIT: Warum haben Sie 1996 den per internationalen Haftbefehl gesuchten mutmaßlichen Kriegsverbrecher Karadžić in Pale besucht?

Handke:Ich wollte Nachricht über vermisste bosnische Muslime . Ich gab ihm eine Liste der Namen, und er wollte sich darum kümmern. Aber daraus wurde nichts, meine Mission war ohne Ergebnis. Deshalb habe ich auch nichts darüber geschrieben, aber jedem, der es wissen wollte, habe ich davon erzählt.

ZEIT: Sie haben noch mehrere Versuche dieser Art unternommen.

Handke: Ja, ich habe einen serbischen General in Sarajevo besucht, der auf der Seite der Muslime gekämpft hatte, und ich wollte den Mufti von Sarajevo sprechen, aber das Treffen wurde aus Termingründen abgesagt. Nichts an der Reise zu Karadžić war "klandestin" oder "konspirativ", wie in Ihrem Feuilleton behauptet wurde. Da stand auch, ich hätte einen Verdienstorden der Republik Srpska bekommen. Das hat es nie gegeben, ebenso wenig wie die Rose, die ich auf den Sarg von Milošević gelegt haben soll. So etwas zu schreiben heißt, dem Krieg den Krieg hinzuzufügen.

ZEIT: Ihr neues Theaterstück Immer noch Sturm handelt von Ihren slowenischen Vorfahren. Es erzählt vom Krieg, vom Widerstand gegen die Nazis, von den Konflikten in der Familie. Es ist auch eine Auseinandersetzung mit Zeitgeschichte.

Handke: Auseinandersetzung? Es ist ein Sturm gegen die Geschichte, gegen Geschichte als Fortschrittskategorie.

ZEIT: Die Toten treten auf, als wären sie noch am Leben, und Sie, der Autor und Nachkomme, reden mit ihnen.

Handke: Ich bin ein Anhänger des Ahnenkults, ich möchte mit den Vorfahren in ein Gespräch kommen, weil das großartige Menschen waren, die zugrunde gegangen sind. Deswegen fühle ich mich ihnen verpflichtet, meinetwegen.

ZEIT: In Ihrem Tagebuch Gestern unterwegs blicken die Mutter und die Großmutter vom Himmel herab, amüsieren sich über Ihre endlosen Wanderungen und sagen: "Was macht er denn da schon wieder?" Und nach einer Pause: "Na ja, so ist er halt..." In Ihren Büchern tauchen die Ahnen immer wieder auf. Wann hat dieses Interesse bei Ihnen angefangen? Wenn man jung ist, beschäftigen einen die Alten meistens nicht.

Handke: Mich schon. Ich verdanke das meiner Mutter, die mir immer ganz viel von den Toten erzählt hat, von den Brüdern, die sie geliebt hat und die im Krieg gefallen sind. Sie hat erzählt und erzählt, alle Einzelheiten. Das Leben der Toten hat mich immer beschäftigt, schon Die Hornissen, mein allererster Roman, beruhen auf einer Geschichte, die mir meine Mutter erzählt hat und die ich dann nachgeträumt habe.

ZEIT: Im Sturmbuch stehen die Vorfahren mütterlicherseits im Zentrum, Ihr Vater kommt nur am Rande vor.

Handke: Das wäre eine andere Geschichte. Ich habe jetzt eine Erzählung geschrieben, deren Held ein Schauspieler ist, der sich sehr mit seinem Vater beschäftigt.

ZEIT: Wenn Sie "Vater" sagen, welchen haben Sie dann im Sinn? Ihren Stiefvater Bruno Handke oder Ihren leiblichen Vater?

Handke: Meinen Erzeuger – oder wie man das nennt.