ZEIT: Haben Sie ihn gekannt?

Handke: Ich habe ihn ein paarmal besucht, und wir haben uns zu achten gelernt. Er war ein etwas nervöser Mensch, ein guter Tänzer, ein Möchtegern-Frauenheld, er hat mir gefallen. Er war ein Bankmann, hatte einen großen Mercedes, lebte in Norddeutschland, in Buxtehude.

ZEIT: Wie alt waren Sie, als Sie ihn getroffen haben?

Handke: Etwa 19.

ZEIT: Ging das Treffen von Ihnen aus?

Handke: Ja, ich wollte ihn kennenlernen, auch wegen der Erfahrungen, die ich mit meinem Stiefvater gemacht hatte.

ZEIT: Mit dem Sie sich nicht besonders gut vertragen haben.

Handke: Ich war in der Pubertät, und sein Alkoholismus war schrecklich. Er war heimatlos, er kam ja aus Berlin, die Vorfahren aus Schlesien. Handke ist ein schlesischer Name, es gibt sogar einen schlesischen Barockmaler namens Handke. Und dort in Kärnten war mein Stiefvater mit seinem Berliner Dialekt ein Außenseiter, total einsam, das sehe ich jetzt erst richtig. Das heißt, ich habe es begriffen, als er schon im Sterben lag. Ich war ungerecht gegen ihn. Als ich Kind war, hatte ich ihn ganz gern, seinen Geruch mochte ich, er war Zimmermann und roch nach Holz. Aber dann habe ich gesehen, wie er das Geld vertrunken hat, wie dann die Armut geherrscht hat, wie er meine Mutter geschlagen hat. Als Bub von elf oder zwölf habe ich gehört, wie die Schläge im Nebenzimmer geklatscht haben. Das kann ich nicht vergessen.

ZEIT: Sind Sie ihm noch böse?

Handke: Ich nehme ihm das nicht übel. Das Unglück der Menschen ist dermaßen groß! Wenn man alle umarmen könnte! Aber es gibt niemanden, der alle umarmen kann. Weil wir gerade von meinem Stiefvater und so weiter reden: Einer der schönsten Sätze, die ich bei John Cheever gelesen habe, heißt: Erzählen ist nicht Nacherzählen. To tell a story is revelation, ist Offenbarung. In jeder Geschichte, auch wenn sie ganz real ist, um das Wort realistisch zu vermeiden, muss es eine Offenbarung geben. Man muss etwas anderes sehen können als das Kanonisierte. Der Blick des Lesers muss etwas entdecken können vom Menschen, was er vielleicht geahnt hat, was ihm aber nicht deutlich war. Sonst ist es kein Buch, keine Erzählung. Ich sage Ihnen das, weil ich das Gefühl habe: Sie führen mich auf die Fährte des Nacherzählens. Erzählen heißt Offenbarung, auch für den, der erzählt. Auch er muss überrascht werden von dem, was er erzählt.

ZEIT: Sie haben einmal gesagt: Sie wollen nicht nacherzählen, sondern vorerzählen.

Handke: Ja.

ZEIT: Wenn Sie von Offenbarung sprechen: Das Wort hat auch eine religiöse Bedeutung.

Handke: Ohne Offenbarung geht es nicht, sonst hat das Schreiben für mich überhaupt keinen Sinn. Vielleicht ist Offenbarung nicht das richtige Wort. Aber Überraschung ist nicht stark genug. Offenbarung ist ja nicht nur religiös definiert. Es geht um die Entdeckung des Menschen. Für mich sind die schönsten Augenblicke beim Lesen oder auch im Film, wenn ich erfahre, dass der Mensch, der so und so definiert zu sein scheint, plötzlich ein ganz anderer wird. Aber vielleicht sollte man statt Offenbarung lieber revelation sagen.

ZEIT: Das bedeutet ja Offenbarung.

Handke: Schon, und Cheever war ja ein religiöser Mensch. Es gibt keine innigere religiöse Prosa als die von John Cheever in seinem Tagebuch. Das ist etwas ganz Gewaltiges.

ZEIT: Sind Sie ein religiöser Autor?

Handke: Die Frage beantworte ich nicht.

ZEIT: Das Religiöse taucht bei Ihnen immer wieder auf, wenn auch nicht direkt.

Handke: Man kann es nur streifen. Wenn jemand nur sagt, er sei religiös, geht mir das auf die Nerven. Wenn er nicht erzählt, was das ist. Das Erzählen ist das Entscheidende. Wenn ich an der heiligen Messe teilnehme, ist das für mich ein Reinigungsmoment sondergleichen. Wenn ich die Worte der Heiligen Schrift höre, die Lesung, die Apostelbriefe, die Evangelien, die Wandlung miterlebe, die Kommunion und den Segen am Schluss "Gehet hin in Frieden!", dann denke ich, dass ich an den Gottesdienst glaube. Ich weiß nicht, ob ich an Gott glaube, aber an den Gottesdienst glaube ich. Die Eucharistie ist für mich spannender, die Tränen, die Freude, die man dabei empfindet, sind wahrhaftiger als die offizielle Religion. Ich weiß, ich habe, wenn ich das sage, eine Schattenlinie übersprungen, aber dazu stehe ich.