ZEIT: Bevorzugen Sie die alte oder die neue Liturgie?

Handke: Ich habe da keine Ideologie. Das Geheimnis des Glaubens, wie es nach der Wandlung heißt, kann man auch erleben, wenn der Priester einem zugewendet ist. Ich kann schon verstehen, wenn es einigen leidtut, dass die Unnahbarkeit des Vermittlers verschwunden ist. Das ist ein Paradox: der unnahbare Vermittler. Aber er bleibt ja auch unnahbar, wenn er sich der Gemeinde zuwendet.

ZEIT: Solange man spürt, dass er in diesem Augenblick eine andere Person ist.

Handke: Das ist wichtig. Wenn er anfängt, familiär zu werden, verlässt mich die Offenbarung. Der heilige Augenblick verschwindet. Martin Mosebach hat einen schönen Aufsatz über die Ikonen geschrieben, wo er zeigt, wie es den Malermönchen darauf ankam, das Heilige zu bewahren, die Reinheit des Gesichts. Ein Gesicht zu erleben kann für mich die Rettung sein, daraufhin schreibe ich. Das ist auch eine Offenbarung. Das Entscheidende ist für mich das Gesicht des anderen.

ZEIT: Müssen Sie ihn kennen?

Handke: Nein, eben nicht. Ich kann ihn auch kennen, vielleicht ist er mir sattsam bekannt, aber wenn ich ihn dann wirklich sehe, ist er mir eben nicht mehr sattsam bekannt, sondern anders bekannt. Das geschieht manchmal, man kann es nicht suchen, nur finden.

ZEIT: Das ist ein menschenfreundlicher Gedanke.

Handke: Ja, aber ich spüre mit dem Älterwerden, wie sich eine Misanthropie einschleicht. Ich mag das nicht an mir. Das ist mein kleiner Kampf.

ZEIT: Woher kommt das?

Handke: Durch die Reizbarkeit, die immer da war, oder weil man glaubt, dass man zu viel gesehen hat, obwohl man eigentlich gar nicht genug sehen kann. Sehen ist nicht so einfach, wie man denkt.

ZEIT: In Ihrem Nachtbuch heißt es: "Schau doch! Schau! ... Du hast nicht geschaut..."

Handke: Man muss ins Schauen kommen, so wie man ins Gehen kommt. Indem man geht, geht man ja noch nicht, man kommt ins Gehen. Und wenn man schaut, schaut man ja noch nicht, man kommt ins Schauen. Wie Goethe sagt: Aus der Anschauung kommt die Theorie. Das hat nichts mit der Türmerperspektive zu tun. Man kann auch aus der Froschperspektive schauen. Einer, der am Boden liegt, sieht oft weiter als der, der auf gestreckten Beinen steht.

ZEIT: Erkennt man ein Gesicht leichter, wenn man lange alleine war? In der Großstadt gibt es so viele Gesichter, dass man sie oft nicht mehr sieht.

Handke: Es kann überall erscheinen, man weiß es nicht.

ZEIT: Kann man es üben?

Handke: Nein, aber man kann sich ermahnen, sich nicht gehen zu lassen in der Misanthropie, in der Gereiztheit. Für mich ist es wichtig, innezuhalten. Das hat nichts mit Yoga zu tun. Aber ich weiß nicht, ob es mit dem Alleinsein besser wird.

ZEIT: Sie waren ja mal drei Jahre ständig unterwegs, und immer allein.

Handke: Aber einsam nie. Mit dem Älterwerden fühlt man sich ja oft in Gesellschaft einsam. Man kommt auf eine Party, und in fünf Minuten sind all die Tagesthemen durchgesprochen, die Topoi, wie Doderer sagt. Man redet ja nur dieses rhetorische Zeug. Dann entsteht das Gefühl der Einsamkeit, und ich denke: Was soll ich hier?

ZEIT: In Ihrem Tagebuch erzählen Sie die Szene, wie Sie von einer winterlichen Straße in Cambridge aus in ein warmes Zimmer blicken und beobachten, wie eine Frau ihren im Lehnstuhl lesenden Mann küsst. Fühlten Sie sich da nicht einsam? Sind Sie in solchen Augenblicken nicht neidisch?

Handke: Nein, ich freue mich. Höchstens denke ich, dass der Mann eine so schöne Frau nicht verdient. Das ist aber kein Neid, ich finde es nur ungerecht. Außerdem bin ich nicht gegen Neid, Neid ist unvermeidlich. Ich bin gegen Geiz. Aber Neid? Wenn Leute sagen, sie empfinden keinen Neid, glaube ich ihnen das nicht. Mit dem Neid muss man spielen, darin besteht die Souveränität des gelernten Neiders. Goethe sagt, gegen die Vorzüge eines andern hilft nur, dass man sie liebt. Lieben ist vielleicht ein bisschen viel verlangt, aber man sollte sie anerkennen und sich darüber freuen. Mit einem Buch ist mir das schon lange nicht mehr passiert. Bei John Cheever allerdings war das so.