ZEIT: Mögen Sie die amerikanischen Schriftsteller?

Handke: Die neueren nicht. Immer wieder denke ich: Wie schön wäre die Literatur ohne all diese Zeit-, Familien- und Gesellschaftsromane. Fontane hat das vielleicht noch gekonnt, aber heute ist es eine Form abgesunkener Kultur. Ich habe Walker Percy übersetzt, The Last Gentleman und The Moviegoer, das ist ein großartiger Autor. Und ich liebe Thomas Wolfe, seinen Roman Schau heimwärts, Engel. Diese Bücher haben etwas Lyrisches, das gehört unbedingt dazu. Bei Jonathan Franzen zum Beispiel kommt es überhaupt nicht vor. Er folgt einem Strickmuster, einem Schema. Auch Philip Roth ist letzten Endes nur ein Conferencier. Lesen ist doch ein Abenteuer. In einem Buch, auch in einem Gesellschaftsroman, muss sprachlich die Suchbewegung drin sein. Es gibt keine epische Literatur ohne lyrisches Element. Aber das ist aus der amerikanischen Literatur völlig verschwunden. Es muss Ausbrüche geben, ein beherrschtes Sichgehenlassen, nicht dieses rezepthafte Schreiben. Es muss vom Autor etwas ausgehen, ob das nun aus seiner Verlorenheit oder aus seinem Schmerz kommt. Wenn man beim Autor nur das Machen sieht, um das Wort Mache zu vermeiden, genügt das nicht.

ZEIT: Aber Handwerk gehört doch auch dazu?

Handke: Das Handwerk dient nur dazu, etwas nicht zu tun. Voraussetzung ist, dass der Autor seine Figuren liebt. Stendhal zum Beispiel liebt seine Menschen. Das macht das Geheimnis seiner Romane aus.

ZEIT: Liebt Flaubert die Madame Bovary?

Handke: Ich weiß es nicht. Aber Flauberts November, sein erstes Buch, ist von einer unglaublichen Erotik. Wie er einen Frauenkörper beschreibt, das übertrifft jedes Gemälde von Courbet. Er beschreibt nur das Zittern der Frau. Ich glaube, er hat da so viel Angst vor der Frau bekommen, dass er die Madame Bovary schreiben musste, aber so, als ob er auf einem anderen Stern säße.

ZEIT: Wie entstehen Ihre Bücher, haben Sie einen Plan?

Handke: Man macht sich halt auf den Weg. Es ist wie ein Untertauchen in ein anderes Element.

ZEIT: Gibt es eine Art von Auftrag, das zu tun?

Handke: Ja, einen vagen Auftrag. Aus dem mache ich dann ein Prinzip, wenn ich mich auf den Weg mache.

ZEIT: Wer erteilt den Auftrag?

Handke: Der Papst auf jeden Fall nicht, auch kein Bundestrainer, auch kein Politiker. Ich weiß es nicht. Ich könnte eine Litanei von denen hersagen, die es nicht sind.

ZEIT: Sie haben mal von einem Gesetz gesprochen.

Handke: So spreche ich nicht mehr. Es gab eine dramatische Situation beim Schreiben, wo mir ein Gesetz erschienen ist. Aber das spüre ich nicht mehr. Das Gesetz beim Schreiben muss auch ein Spiel sein. Für mich ist kein Unterschied zwischen Ernst und Spiel.

ZEIT: Machen Sie einen Unterschied zwischen dem, was Sie beschäftigt, und dem, was den Leser beschäftigen soll?

Handke: Ich denke mich als Leser.

ZEIT: Haben Sie einen idealen Leser vor Augen?

Handke: Nicht vor Augen. Wenn ich Sie da sehe, denke ich nicht: Das ist der ideale Leser. Es könnte den idealen Leser geben, aber ich hätte ihn nie vor Augen, er ist mehr ein Astralleib, eine Astralfigur, etwas Energetisches. Für mich ist der Leser die eigentliche Instanz der Literatur, nicht der Dichter.

ZEIT: Manche Autoren stellen sich einen Leser vor, für den sie etwas schreiben, das wirkungsvoll sein soll.

Handke: Ich möchte schon auch Wirkung haben. Soll die Literatur den Leser bedienen? Ich weiß es nicht. Die Zeiten haben sich geändert. Tolstoj und Dostojewski haben für Zeitschriften geschrieben. Die Kosaken haben nur ganz kurze Kapitel, so lang, wie die Zeitschriftenbeiträge sein durften. Ich habe große Achtung davor, dass die das gemacht haben, aber ich könnte es nicht.

Handke hat jetzt aus der Küche eine Flasche Sancerre geholt sowie einen Teller mit Oliven und Salami. Wir trinken aus kleinen Wassergläsern, und als ich die Olivenkerne auf den Teller lege, weist er mich sanft zurecht und deutet auf die kleine Schale, die er eigens dafür hingestellt hat. Er legt nun eine Platte auf, die letzte von Johnny Cash. Eine Hi-Fi-Anlage besitzt Handke nicht, das Gerät ist ein älterer Ghettoblaster auf dem Fußboden.