Die niederländischen Marathon-Eisläufer liefen 2009 im Schneetreiben

Mit langen Fichtenzweigen markiert Jank bei Neuschnee die Routen – damit er weiß, wo er fahren darf und wo noch nicht. Im Schnee wirken die Zweige von Weitem so groß, dass er manchmal denkt, es komme jemand auf ihn zu. Aber was, wenn nun jemand einen hinterlistigen Schabernack plante und die Zweige heimlich umstecken würde? Jank sagt: "Ich habe keine Feinde." Am Ende profitieren doch alle von ihm. Wohl aber gibt es nicht wenige, die ihm seine besondere Position neiden. Die glauben, sich einmischen zu müssen, obwohl sie doch gar nichts davon verstehen. Die "Gasthaus-Diagnostiker", wie er sie nennt, die ihm von ferne mit schlauen Ratschlägen kommen.

"Wenn die Temperatur nicht passt, brichst du bei 25 Zentimetern trotzdem ein!" Es zieht sich zusammen, das Eis, und bildet Risse, die sich geräuschvoll melden. "Solang es kracht, hält’s", sagt der Eismeister. Dann sprudelt vielleicht an ein paar Stellen ein bisschen Wasser heraus, aber dadurch sind weder das Eis noch die Menschen auf ihm gefährdet. "Gefährlich wird’s erst, wenn’s brezzelt." Wenn der Ton knisternd hoch wird. Denn je höher der Ton, desto dünner das Eis. Aber wer weiß das schon?

Jank sagt von sich selbst, er sei hart wie das Eis: "Ein Sturschädel, kann man sagen." Aber auch weich und verletzlich, wenn man ihm vorwirft, wofür er nichts kann. Jank sagt, er könne sich durchsetzen. Im Ort sagen sie es auch. Als unbequem gilt Jank. Sagt vielen, was sie nicht hören wollen, und lässt sich niemals reinreden. Was sollten sie ihm auch sagen? "Weil ich ja erfahrungsgemäß weiß, dass ich richtiglieg." Hat er je eine falsche Voraussage getroffen? Sätze wie "Wird wohl halten" gehören nicht zu seinem Repertoire. Wenn Jank sagt, es hält, dann ist es so. Umgekehrt natürlich auch.

Einmal hat ein Kärntner Ehepaar sein Absperrungsband missachtet. Obwohl Jank noch von ferne rief: "ist gefährlich", ist der Mann unter dem Band durch – und eingebrochen. "Hilfe, Hilfe!", schrie die Frau, aber Jank rief ihr zu: "Den kannst ruhig drin lassen, um den ist’s kein Schaden!" Natürlich hat er gewusst, dass die Lage nicht wirklich gefährlich war.

Auf dem schmalen Uferweg begegnet Jank dem katholischen Pfarrer. "Wie geht’s dir denn?", fragt der. "Genau wie dir", sagt Jank, der evangelisch ist: "Wir haben doch denselben Chef!" Jank geht weiter, er muss noch zu den Geräten. Was eigentlich macht er im Sommer? "Eis essen!", antwortet Jank und lacht.

Natürlich arbeitet er, was sonst? Repariert seine Fahrzeuge. Konstruiert neue. Hütet Zweitwohnsitze für andere Familien. Fährt Taxi. Kümmert sich um ein eigenes kleines Waldstück oben am Berg und seine Frühstückspension. Im Winter muss er seine Arbeitsstunden aufschreiben und dann bei der Gemeinde abrechnen. Kein Wahnsinnsbetrag, sagt er, aber die Befriedigung gibt ihm ja nicht das Geld, sondern der Erfolg. Dass er fast jedes Wetter und sogar den Föhn bewältigt, wo sie auf den anderen Seen durch die Bank versagen, weil er das Eis doch so weich macht.

Jank geht in den Geräteschuppen am Gemeinde-Bauhof, wo die Schneepflüge, Fräsen und Eishobel lagern. Er baut sich seine Arbeitsutensilien selbst, weil er die kaufbaren nicht schätzt. So hat er den weltgrößten Kehrbesen konstruiert. Jank zieht die Plane beiseite: sechs Meter breit, "gibt’s doch nirgendwo". Schließlich braucht er breite Bahnen. 15 Meter, eigentlich Überbreite, die Leute regen sich oft drüber auf, Stunden würde er schinden wollen. Die begreifen nicht, dass die Bahnen im Laufe des Winters immer enger werden, weil man den neuen Schnee doch nicht über den alten hinaus werfen kann, sechs Meter sind es am Schluss der Rennen, und wenn die Holländer weg sind, sogar noch weniger. Alles sauber berechnet vom Eismeister, dessen heimliches Hobby die Mathematik ist. Zum Beispiel hat er errechnet, dass man, würde man die Fläche des Sees in Sechs-Meter-Streifen schneiden, eine Eisbahn bis nach Amsterdam ziehen könnte. Solche Gedanken macht er sich an den langen Wintertagen.

Es ist Abend geworden. Die letzten Sonnenstrahlen verschwinden hinter den schneebedeckten Bergkuppen der Lienzer Dolomiten. Über dem See kreist ein Steinadler. In seinem Holzboot holt der Fischer die Netze ein. Auf den Straßen sind schon keine Menschen mehr. Glutrot sinkt die Dämmerung auf das Wasser, verbreitet kurzen Zauber, dann schluckt tiefschwarze Dunkelheit den See.

Der Eismeister setzt sich daheim auf die Couch und stellt den Fernseher an. Am liebsten schaut er Filme über die Natur, Berge sollten drin vorkommen und Tiere, aber erst solche ab 50 Kilo, Großtiere, "keine Käfer oder so was". Doch wie immer nach einem jener langen 15-Stunden-Arbeitstage in der Kälte wächst seine Müdigkeit, die wohlige Wärme in der Wohnstube tut ein Übriges, und kaum ist eine Viertelstunde vergangen, liegt Eismeister Jank bereits in tiefem, traumlosem Schlaf.

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