Schwer verletzt diktierte er dem Polizisten noch, wie ihn der Halunke mit Messerstichen traktiert hatte. Wenige Stunden darauf war er nicht mehr. Am 8. Juni 1768 starb in einem Triester Hotelzimmer Johann Joachim Winckelmann, Begründer der Archäologie, ermordet von einem Koch. Der Kulturhistoriker Jacob Burckhardt vermerkt in seinem Cicerone über dessen Sterbeort: "Sodann schlummert hier, hoch über dem adriatischen Meer, zwischen den Akazienbüschen, die Asche desjenigen Mannes, welchem die Kunstgeschichte vor allen anderen den Schlüssel zur vergleichenden Betrachtung, ja ihr Dasein zu verdanken hat." Das Kunstmuseum, wie wir es heute kennen, wäre ohne ihn nicht denkbar. Dass man ihm selbst ein Museum weihen würde, wagte Winckelmann wohl zu hoffen. Dass es ausgerechnet in Stendal sein würde, hätte ihm weniger gefallen.

Dort hat es das Schicksal nicht gut mit ihm gemeint. 1717 wurde er als Sohn eines Schusters geboren. In dem kleinen Museum des großen Gelehrten, wo die Winckelmann-Gesellschaft residiert und dessen Werke herausgibt, hat man die einzige Kammer des winzigen Häuschens nachgebaut, in dem die Familie wohnte.

Dort ist kein Buch in den Regalen, nur Schmierfett. Düster mäandern die Ausstellungsräume durch das Erdgeschoss wie der junge Winckelmann durch die märkische Provinz. Der erste Teil ist seiner Biografie gewidmet. Man sieht die unglücklichen Briefe, die Werke der angebeteten Klassiker, die er verzweifelt las, beseelt von dem Ziel, sein enges deutsches Dasein verlassen zu können. Der Parcours endet in lichten Räumen, bei prachtvollen Vasen, Gemmen, Marmorsteinen und den bedeutenden Schriften, die er seiner Nachwelt hinterließ, den Winckelmännern, wie Goethe sie nannte. Sie zeugen davon, dass die Flucht gelang.

Zunächst sah es nicht danach aus. Seine früh erkannte Begabung nutzte ihm wenig. Eine Stipendienkommission befand, ein Schusterjunge müsse nicht auf die höhere Schule. Als er das enge Heim nach Intervention eines Mentors endlich doch in Richtung Berlin verlassen durfte, kam er auch dort nicht auf seine Kosten. In seinem Zeugnis vermerkte Schulrektor Bake 1736: "ein rastloser und unsteter Mensch".

Im ZEIT-Museumsführer stellen wir Ihnen jede Woche eines der schönsten Museen Deutschlands vor. Um alle bisher veröffentlichten Museumsführer der ZEIT aufzurufen, klicken Sie bitte auf das Bild © Stuart Franklin/Bongarts/Getty Images

Nach Umwegen über ungeliebte Hauslehrerstellen, immer auf der Suche nach Geld und einer Bibliothek, wo er sich seinen antiken Autoren widmen konnte, verschlug es ihn nach Halle. Um das Studium von der Kirche bezahlt zu bekommen, musste er sich für Theologie einschreiben. Er hasste es. Eines der wenigen Dinge, die er nach eigenem Bekunden von seinem Studium mitnahm, liegt, von einem wütenden Tintenstrich gezeichnet, in Stendal hinter Glas: seine Stipendienquittung. Nach dem Abschluss plante er eine Bildungsreise nach Paris, in die Bibliotheken. Wegen Geldmangel schaffte er es nur bis Hessen.

Sein erstes Glück mag Winckelmann in einer Anstellung beim Herrn von Bünau gefunden haben, der damals eine der größten Bibliotheken besaß. Doch das war nur der erste Schritt zum ersehnten Ziel: Italien. Im November 1755 war es so weit; Winckelmann traf in Rom ein. Ein Gemälde von Anton Raphael Mengs zeigt ihn in der Ausstellung als nicht mehr ganz jungen, stillen, doch selbstbewussten Mann mit dichtem, zurückgekämmten Haar. In wenigen Jahren, nach unablässigem Studieren und Publizieren, brachte er es bis zum Kommissar der Altertümer von Rom. Italien weckte endgültig seine Lebensgeister. Leider fehlt in der Ausstellung Casanovas Bericht aus seinen Memoiren, wie der einst so ernste Winckelmann auf einem Abendessen bei Mengs betrunken Purzelbäume schlug.