"Meine Trainerin ließ mich links liegen" – Seite 1

ZEITmagazin: Frau Angerer, wie wird man die beste Torhüterin der Welt?

Nadine Angerer: Das verdanke ich ganz klar der früheren Bundestrainerin Tina Theune. Ich war anfangs nicht die geradlinigste Person, sondern liebte meine Freiheit, wollte lieber reisen und feiern. Ich habe deshalb Lehrgänge verschlafen, nicht richtig trainiert und schon mal eine Pizza vor dem Spiel gegessen. Da holte mich Tina irgendwann zu sich und sagte: Also, es gibt jetzt zwei Möglichkeiten. Entweder du nimmst deinen Sport ernst und wirst die beste Torwartin der Welt – oder du fliegst raus.

ZEITmagazin: Das hat gesessen?

Angerer: Für eine 18-, 19-Jährige war das ein ganz schöner Schlag auf den Kopf. Ich war sauer und dachte mir: Was willst du, ich bring doch meine Leistung! Aber sie hatte erkannt, dass noch viel mehr Potenzial in mir steckte. Ich hatte sehr viel Talent in die Wiege gelegt bekommen und dachte mir immer: Reicht ja locker! Aber ich hatte noch nicht kapiert, dass man dafür auch arbeiten muss. Wer weiß, ob meine Karriere so erfolgreich verlaufen wäre, wenn nicht...

ZEITmagazin: ...Frau Theune Sie vor sich selbst gerettet hätte?

Angerer: Ja. Sie hat mich tatsächlich eine Zeit lang links liegen lassen, um mir zu signalisieren, dass sie es ernst meint. Da wurde mir dann klar, dass Fußball das ist, was ich wirklich von Herzen gern mache. Ich habe den Trainingsaufwand verdreifacht, bin früher schlafen gegangen, habe mich vernünftig ernährt – und eben alles getan, was zum Leistungssport gehört.

Alle Interviews aus der Serie des ZEITmagazins zum Nachlesen

ZEITmagazin: Sie haben Ihre Freiheit aufgegeben und sich der Disziplin unterworfen?

Angerer: Hmm, widerwillig. Was ich überhaupt nicht mag, ist ein fester Tagesplan: 10 Uhr Frühstück, 10.30 Uhr Training, 13.30 Uhr Mittagessen... Das ist überhaupt nicht meine Lebensphilosophie.

ZEITmagazin: Sie leben aber nun seit rund 15 Jahren nach Plan. Ist das nicht schizophren?

Angerer: Genau das ist es. Ich komme mir manchmal vor wie in einem Hamsterrad.

 

ZEITmagazin: Wie würde die andere Hälfte in Ihnen leben, wenn sie die Freiheit dazu hätte?

Angerer: Die andere Hälfte würde mit dem Rucksack durch die Welt reisen, mit Haien tauchen, mit dem Fallschirm vom Hochhaus springen.

ZEITmagazin: Was reizt Sie daran, mit Haien zu tauchen?

Angerer: Vielleicht bin ich adrenalinsüchtig.

ZEITmagazin: Wollten Sie nie ausbrechen aus Ihrem Leben nach Plan?

Angerer: Das tue ich auf Turnieren regelmäßig. Dann packe ich einfach meine Siebensachen und gehe mal zwei, drei Stunden alleine weg. Andererseits merke ich auch, wie diese feste Struktur mich verändert hat. Im Urlaub in Afrika bin ich jeden Morgen pünktlich um zehn frühstücken gegangen. Aber ich bin mir sicher, dass ich das wieder ablegen werde, sobald ich dieses Zeitmanagement und dieses Vorgegebene und die Kontrolle von oben hinter mir habe.

ZEITmagazin: Warum lassen Sie sich so ungern kontrollieren?

Angerer: Weil ich lieber selbst die Kontrolle habe und es ganz schlimm finde, wenn jemand versucht, mich zu besitzen. Vielleicht bin ich deshalb Torwart geworden. Einzelkind, Einzelkämpfer, Torwart, das passt zusammen.

ZEITmagazin: Sie haben bereits mit fünf Jahren Fußball gespielt – in einer Jungenmannschaft.

Angerer: Ja, weil es keine Mädchenmannschaft in meiner Nähe gab. Bis ich zwölf war, habe ich mit den Jungs trainiert.

 

ZEITmagazin: Hat Sie das besonders geprägt?

Angerer: Jungs diskutieren anders, vielleicht bin ich deshalb heute sehr direkt und manchmal etwas undiplomatisch. Aber eigentlich war ich für die Jungs immer die Prinzessin. Die waren echt süß zu mir. Ich wurde nie gefoult und durfte immer zuerst duschen.

ZEITmagazin: Als Torfrau sind Sie jetzt auch ein bisschen die Prinzessin.

Angerer: Würde ich nicht so sehen. Aber die Torhüterin hat natürlich eine Sonderstellung. Sie muss der Mannschaft hinten Sicherheit vermitteln. Wenn sie nervös ist, ist gleich die ganze Mannschaft verunsichert. Natürlich hat man als Torhüterin auch mal Zweifel, aber man darf sie nicht zeigen, da muss man eine gute Schauspielerin sein. Manche sagen sogar, ich sähe im Tor viel größer aus. Das ist die Ausstrahlung, die man hat.

ZEITmagazin: Es gibt ja immer diese Gerüchte, dass es im Fußball mehr lesbische Frauen gibt als anderswo. Wie stehen Sie zu diesem Thema?

Angerer: Ich persönlich bin da offen, weil ich der Meinung bin, dass es nette Männer und nette Frauen gibt, und weil ich eine Festlegung generell total albern finde.

ZEITmagazin: Und Sie können beide Seiten leben?

Angerer: Auf jeden Fall.

Das Gespräch führte Herlinde Koelbl