Der Vertrag mit Google bringt der Münchner Bibliothek nur Vorteile, sie kann die Dateien nach den eigenen bibliothekarischen Kriterien katalogisieren und auf dem eigenen Server lagern. "Die öffentliche Hand", sagt Peter Schnitzlein, könnte so etwas nie leisten."

In Deutschland ist kein staatlicher Geldgeber in Sicht, der für eine systematische Erfassung der Kulturgüter aufkommen würde. Anders als in Frankreich, wo die Regierung 750 Millionen Euro für eine nationale Digitalisierungsoffensive zur Verfügung gestellt hat, werden in Deutschland nur einzelne Projekte gefördert, vor allem von der DFG. Das ist es, was der Leipziger Bibliotheksdirektor Schneider kritisiert: Jeder versucht, solche projektbezogenen Mittel zu bekommen, stellt ein paar Scanner auf und digitalisiert drauflos. Aber sind das wirklich die Bücher, die gebraucht werden? Soll man als Erstes Unikate scannen, die sonst nirgends existieren (wie es in Halle geschieht), oder lieber komplette Sammlungen (wie in Weimar)? Erfüllt man damit die Wünsche einer breiten Öffentlichkeit, oder befriedigt man nur eine kleine Schar von Professoren?

Eine gewisse Koordinierung gibt es zwischen den fünf Bibliotheken, die am sogenannten Projekt VD18 beteiligt sind. Das Kürzel steht für die Digitalisierung aller deutschsprachigen Drucke aus dem 18. Jahrhundert, rund 600.000 Bücher. Anders als die Vorgängerprojekte VD16 und VD17, die lediglich Verzeichnisse waren, sollen diesmal alle Werke komplett digital erfasst werden. Gut 17.000 Bücher sind bereits gescannt, bibliografisch aufgearbeitet und im Internet verfügbar. In ihrem Volltext suchen wie in Google Books kann man allerdings nicht – die OCR-Erfassung gehört nicht zum Programm. Wissenschaftlern mag diese Art der Erfassung genügen, ihre Studierenden aber sind bereits Google-verwöhnt und erwarten eine Volltextsuche.

Diese mangelhafte Erschließung ist keine Katastrophe – solange man ein gutes digitales Bild hat, kann man auch später noch die Schrifterkennungs-Software darüberlaufen lassen. Echte Probleme tauchen auf, wenn man sich dem 19. und 20. Jahrhundert nähert (und damit den Büchern, an denen die allgemeine Öffentlichkeit das größte Interesse hat). Da ist zunächst die schiere Masse der Veröffentlichungen, es kommt aber noch ein weiteres Problem hinzu: das Urheberrecht. Das erlischt in Deutschland nämlich erst, wenn der Autor 70 Jahre tot ist. Solange ein Buch noch im Druck ist, kann man sich mit dem Verlag darüber auseinandersetzen. Der größte Teil der Bücher des 20. Jahrhunderts wird aber nicht mehr aufgelegt, es gibt nur Restexemplare in den Bibliotheken, und oft ist nicht einmal mehr ermittelbar, wem die Rechte gehören.

Diese " verwaisten Bücher " sind es, mit denen die neuen digitalen Bibliotheken die größten Probleme haben. Im vergangenen Jahr hat sich die deutsche Kulturszene noch über das forsche Vorgehen von Google erregt. Nun sieht man langsam ein, dass eine Verfügbarkeit dieser Werke, mit deren Druck niemand mehr Geld verdienen kann, im Netz durchaus wünschenswert ist. "Hier droht unserer Gesellschaft wichtiges Kulturgut verloren zu gehen", sagt Harald Schütt, Pressesprecher von Bundesjustizministerin Sabine Leutheusser-Schnarrenberger.

Nach einer Expertenanhörung im Oktober will das Ministerium nun das Urheberrecht novellieren . Digitale Bibliotheken sollen demnach zunächst sorgfältig nach den Rechteinhabern suchen. Finden sie niemanden, dann dürfen sie, ähnlich wie Google in den USA, das Buch digital ins Netz stellen, müssen aber eine Vergütung zahlen, die von der VG Wort verwaltet wird – falls sich der Rechteinhaber doch noch findet.

Rechtlich scheint die Digitale Bibliothek also auf einem guten Weg zu sein. Auch die technischen Probleme lassen sich lösen. "Was fehlt, ist der gesellschaftliche Diskurs. Ein Plan muss her", sagt Ulrich Johannes Schneider. Und jemand, der die Idee der Digitalen Bibliothek offensiv in der Öffentlichkeit vertritt. Hermann Parzinger, Präsident der Stiftung Preußischer Kulturbesitz und Hausherr des neuen Bibliotheksbüros, wäre ein Kandidat dafür. Noch hat man von ihm allerdings wenig Visionäres zu dem Thema gehört.