Für den Touristen in seinem Mercedes ist Zürich nicht zu verfehlen. Es wimmelt von Verkehrsbehinderungen durch Baustellen und Geschwindigkeitsbegrenzungen, welche mit Kriechförderungsmaßnahmen besser bezeichnet wären. Ab und an hört der Ankömmling Karabinersalven von den Militärspielplätzen, und wenn er vergeblich versucht, einen Parkplatz zu finden, weiß er, dass er sein Ziel erreicht hat.

Die Bescheidwisser haben festgestellt, dass in Zürich die Lebensqualität höher ist als sonst wo. Wenn es denn stimmt – woran ich nicht zu zweifeln wage –, liegt der Grund dafür an der Kneipendichte der Stadt und wird untermauert von der Tatsache, dass die meisten Kneipen ordentliche Restaurants sind und – sensationell! – mittags geöffnet haben.

Im Gegensatz zu Berlin, wo der Tourist mittags fast verhungern muss, weil deutsche Angestellte lieber in der Kantine sitzen (oder auf der Straße im Gehen Sandwichs essen), halten es die Zürcher wie die Pariser und fördern die lokale Gastronomie. Das hat Tradition und ist für die Damenwelt eine wunderbare Unterbrechung des Einkaufsbummels auf der Bahnhofstraße. Angesichts der dort ausgestellten Luxusprodukte hört man schon mal den auf Hochdeutsch geflüsterten Vorwurf: "Dass die sich nicht schämen, solche Preise zu verlangen!"

Daran merkt man, dass man in einer anderen Welt angekommen ist, wo die Bewohner sich vom sparsamen Zwingli zum hedonistischen Konsumenten verwandelt haben und es mit Recht für eine Zumutung hielten, wenn sie sich für ihren Wohlstand schämen sollten. So wie sich in Berlin niemand schämt, wenn er im Borchardt in Birkenstocksandalen sitzt.

(Den Begriff Damenwelt habe ich dem Wortschatz meiner Schweizer Kollegen entnommen, welche das Glück haben, in Zürich noch Damen zu sehen; mögen die auch aus Moskau kommen.)

Überhaupt sieht man in der Schweiz so manches, was woanders verschwunden ist. So wundert es mich in Zürich nicht, dass immer noch Hotels und Beizen existieren, die mir schon vor Jahrzehnten den Aufenthalt versüßt haben. Bei meiner Ankunft genieße ich den Perfektionismus des Herrn Hörger, welcher im Hotel Savoy Baur en Ville mein Wirt zu sein pflegt. Es ist derzeit das einzige Hotel der Luxusklasse, das ich kenne, bei dem die Gürtel der Bademäntel nicht auf den Boden fallen, wenn ich sie entfalte: Sie hängen in den Schlaufen, wie es sich gehört. Diese ungewöhnliche Aufmerksamkeit ist heutzutage rar geworden; umso höher weiß ich sie zu schätzen.

Überhaupt hat das Savoy alle Vorzüge eines privat geführten Hotels. Die Türsteher, die mein Auto in eine Garage bringen, sind seit Jahrzehnten dieselben Herren, die sich wohl wundern, dass ich immer noch dieselbe Kutsche fahre. Auch vom Portier und der Réception werde ich empfangen wie ein hoch geschätztes Familienmitglied. Die Gastgeber, Manfred und Christine Hörger, tun alles, um nicht die Anonymität von 500-Zimmer-Hotels aufkommen zu lassen. Und man hat den Eindruck, sie seien unglücklich, wenn sie ihr Schmuckstück nicht jedes Jahr noch mehr aufpolieren können.