DIE ZEIT: Herr Streibich, in dieser Woche sehen Sie Kanzlerin Angela Merkel auf dem Informationstechnik-Gipfel. Was werden Sie ihr sagen?

Karl-Heinz Streibich: Die vergangenen Gipfel befassten sich größtenteils mit Telekommunikation. Das war richtig und wichtig, weil Breitbandnetze ebenso ausgebaut werden müssen wie Autobahnen oder das Schienennetz. Aber jetzt muss die Softwarepolitik hierzulande ein größeres politisches Gewicht bekommen.

ZEIT: Warum das?

Streibich:Software ist der Maschinenbau des 21. Jahrhunderts und somit auch entscheidend für den künftigen Wohlstand unseres Landes. Aber es gibt leider kein politisches Konzept, wohin sich der Softwarestandort Deutschland entwickeln soll. Wir müssen Strukturen aufbauen und brauchen dafür eine langfristige Planung.

ZEIT: Merkel soll IT-Kanzlerin werden?

Streibich: Frau Merkel hat ja den IT-Gipfel ins Leben gerufen, das war ein guter Anfang. Er findet jetzt im fünften Jahr statt, und jedes Mal war die Kanzlerin dabei. Es wird Zeit, dass wir daraus handfeste Industriepolitik machen.

ZEIT: Und wie stellen Sie sich das vor?

Streibich: Politik und Wirtschaft müssen eine neue Technologiebegeisterung in der breiten Bevölkerung wecken. Die 68er-Generation war ja höchst erfolgreich darin, genau das abzubauen. Deren Technikfeindlichkeit ist mitverantwortlich dafür, dass wir die Ausbildung von Kindern und Jugendlichen in diesem wichtigen Bereich jahrzehntelang vernachlässigt haben. Jetzt fehlen uns Leute mit Technikverständnis. Wenn wir das nicht ändern, werden wir nie wieder Exportweltmeister. Genauso wenig wie ein Land Fußballweltmeister werden kann, wenn Fußball dort kein Breitensport ist. 

ZEIT:Maschinenbau ist auch Hochtechnologie, und darin sind deutsche Firmen sehr erfolgreich...

Streibich: ...aber nur, weil der Maschinenbau eine Tradition hat, die bis zu den süddeutschen Webern im 18. und 19. Jahrhundert zurückreicht. Softwareentwicklung ist vergleichsweise jung und hat die beste Zeit erst noch vor sich.

ZEIT: Wie meinen Sie das?

Streibich: Rund 80 Prozent aller technischen Geräte, von der Waschmaschine über den Kaffeeautomaten bis zur Heizung, laufen mit Software – und in ein paar Jahren werden es annähernd 100 Prozent sein. In jedem Kleinwagen steckt wahrscheinlich schon heute mehr Software als in der Rakete, die Neil Armstrong zum Mond brachte. Diese Entwicklung wird weitergehen, und das bedeutet riesige Chancen für die deutsche Wirtschaft.

ZEIT: Warum machen Sie sich dann Sorgen?

Streibich: Ich habe persönlich schon mehrfach erlebt, wie Deutschland falsche Entscheidungen getroffen hat. In den Siebzigern beschäftigte die Unterhaltungselektronik hierzulande mehrere 100.000 Menschen bei Firmen wie Saba oder Grundig und so weiter. Davon ist keine mehr übrig. In den Achtzigern waren es Hardwarehersteller wie Nixdorf, die sind ebenfalls weg. In den Neunzigern kamen IT-Dienstleistungen auf, heute kommen die Marktführer aus Indien. Wir müssen verhindern, dass die Softwarebranche das gleiche Schicksal erleidet.

ZEIT: Was waren denn die größten Fehler?

Streibich: Man hat immer primär auf den Beschäftigungseffekt geschaut, dabei Innovationen vernachlässigt und das produziert, was die Fabriken auslastete. Die Kunden haben aber stets das gekauft, was innovativ war. 

ZEIT: Sie fordern also weniger Arbeitsplätze?

Streibich: Beschäftigung ist extrem wichtig, aber an oberster Stelle muss die Suche nach Innovationen stehen. Innovationen schaffen Arbeitsplätze und Werte. In unserer Branche darf man nicht danach schauen, was Programmierer auslastet, sondern was am Markt erfolgreich ist. Dann ist Erfolg mit entsprechenden Beschäftigungseffekten viel wahrscheinlicher, wie wir in den USA sehen.

ZEIT: Es zwingt Sie ja niemand, Programmierer auszulasten. Vielleicht sind Amerikaner ja auch bloß etwas cleverer? Microsoft, Google und Co. sind amerikanische Unternehmen...

Streibich: ...und SAP und die Software AG sind zwei deutsche Weltmarktführer für Unternehmenssoftware...