Mitte der sechziger Jahre, als die Menschheit sich anschickte, ins Weltall aufzubrechen, erreichte den Doktoranden Ernst Pöppel eine ungewöhnliche Anfrage der Nasa: Wie würden Astronauten wohl auf die Isolation in einer engen Raumkapsel reagieren, wollte die Raumfahrtbehörde wissen. Denn das Institut, an dem der Neuropsychologe Pöppel damals arbeitete, führte gerade die ersten "Bunker-Experimente" durch: In einem tief im Fels gelegenen Gewölbe im bayerischen Andechs erprobten Versuchspersonen wochenlang das Leben in vollständiger Isolation.

Eigentlich ging es dabei um die Erforschung der inneren Uhr und des Schlaf-wach-Rhythmus. Nebenbei wollte Pöppel aber auch wissen, wie sich die Psyche seiner Probanden verändern würde. Empfanden sie die völlige Abgeschiedenheit von anderen Menschen wirklich als so schrecklich, wie damals viele Forscher glaubten?

Bei Durchsicht der Versuchsprotokolle stellte der Psychologe bald fest, dass kaum einer der Eingeschlossenen über quälende Gefühle berichtete. Im Gegenteil, den meisten war es ziemlich gut gegangen. Wie es sich anfühlt, ohne die vertrauten Geräusche und Gesichter des Alltags zu leben, wollte der Forscher schließlich am eigenen Leib erfahren – und stieg selbst in den Bunker. "Die ersten ein, zwei Tage waren hart", erinnert sich der heute 70-Jährige. "Es herrschte ein inneres Chaos, ich hatte mit Unruhe und Gedankenflucht zu kämpfen und musste mich erst an mich selbst anpassen." Doch nach dieser Übergangsphase begann Pöppel sich zusehends wohler zu fühlen . "Ich stellte fest, dass ich hoch konzentriert arbeiten konnte, viel weniger abgelenkt als sonst und in gewisser Weise mir selbst genug war."

Als "interessantesten Moment" hat der Hirnforscher das Ende des Experiments in Erinnerung, als er nach zwei Wochen wieder ins Freie trat. "Ich fühlte mich auf eine Art geläutert, die fast schon eine religiöse Komponente hatte. Es war wie eine innere Reinigung, ich hatte sozusagen Kontakt mit mir selbst aufgenommen und erlebt, dass ich von all dem Trubel um mich herum unabhängig sein konnte."

Solche Erlebnisse sind heute nur wenigen vergönnt. Eine Auszeit, in der man "mit sich selbst Kontakt aufnimmt" – davon können die meisten lediglich träumen. Im Gegenteil, wir sind permanent online und allzeit erreichbar – und haben zugleich ständig Angst, etwas zu verpassen und abgehängt zu werden; wir leiden an Reizüberflutung und dem Gefühl ständiger Überforderung – und gieren gleichwohl nach schnelleren Datenleitungen und leistungsfähigeren Handys; wir fühlen, wie unsere Zeit immer knapper wird, sehnen uns nach Muße – und fürchten zugleich nichts so sehr wie das Nichtstun und die Langeweile.

Dabei wissen Philosophen längst, dass Geist und Seele schöpferische Pausen brauchen. Nun wird diese Weisheit auch von der Wissenschaft entdeckt. Hirnforscher und Psychologen zeigen, wie wichtig Auszeiten und Momente des Nichtstuns sind: Diese fördern nicht nur die Regeneration und stärken das Gedächtnis, sondern sind geradezu die Voraussetzung für Einfallsreichtum und Kreativität, vor allem aber für das seelische Gleichgewicht.

Die empfohlene Muße scheint allerdings vielen im Alltag abhandengekommen zu sein. Das zeigt jede Umfrage: Als das Meinungsforschungsinstitut Allensbach 2009 die Deutschen fragte, was sie an ihrem Charakter am liebsten verändern würden, wünschten sich die meisten ebenso schlicht wie verzweifelt, sie wären gern "viel ruhiger". Laut Forsa empfinden 67 Prozent der Mitbürger die "ständige Hektik und Unruhe" als den größten Auslöser von Stress, und bei den guten Vorsätzen zum neuen Jahr stehen ganz obenan "Stress vermeiden" und "mehr Zeit für Familie und Freunde haben".

Im Online-Zeitalter müssen wir wieder lernen, geistig offline zu gehen

Vor hundert Jahren hätte man uns vermutlich alle als Neurastheniker eingestuft, als nervenmüde Zeitgenossen, gefangen in einem wahnhaften Aktionismus, der uns ständig vorwärtspeitscht – und uns doch nie bei uns selbst ankommen lässt. Statt in unserer jeweiligen Handlung aufzugehen und im besten Falle den Flow, den Rausch des konzentrierten Schaffens erleben zu können, fühlen wir uns fahrig, fremdgesteuert und irgendwie nur halb anwesend. Was dabei auf der Strecke bleibt, sind nicht nur die Ruhe zum Denken und zum konzentrierten Arbeiten, sondern auch die Wertschätzung unseres Lebens.

"Wir beobachten, dass im Online-Zeitalter viele Menschen die Fähigkeit verlernt haben, geistig und seelisch offline zu gehen, also abzuschalten", sagt Götz Mundle , Ärztlicher Geschäftsführer der Oberbergkliniken, in denen Erkrankungen wie Sucht, Burn-out und Depressionen behandelt werden. Die meisten seiner Patienten bemerkten gar nicht, wie stressig das ständige Kommunizieren sei. "Wir wissen, dass wir bei einem Bürojob körperlichen Ausgleich benötigen, daher gehen viele ins Fitnessstudio. Den wenigsten ist aber bewusst, dass auch die Informationsflut geistig verarbeitet werden muss", sagt Mundle. Das Problem seiner Patienten sei es nicht, Höchstleistungen zu erbringen. "Im Gegenteil, das Problem ist, abzuschalten und nichts zu tun."

Es ist schon erstaunlich: Mit unserem Körper gehen wir längst pfleglicher und klüger um als mit unserem Geist. Unzählige Diätratgeber lehren uns, beim Essen Maß zu halten, wir machen Frühjahrs- und Herbstkuren und achten auf den body-mass-Index. Doch all das, was in Bezug auf das Essen Common Sense ist, scheint im Umgang mit Informationen nicht zu gelten. Dort frönen wir häufig einer ungezügelten Völlerei, überreizen unser Denkorgan mit zu vielen, falschen oder unwichtigen Informationen und kommen kaum auf den Gedanken, dass unser Gehirn dies alles ja verdauen muss und dass es – wie jedes Organ – Zeiten der Regeneration braucht.

"Auf die Balance kommt es an", sagt Ernst Pöppel. "Menschen brauchen immer beides: den Austausch mit anderen Menschen, aber auch den Bezug zu sich selbst, die innere Autonomie". Und gerade an Gelegenheiten, sich selbst zu begegnen, fehle es heute vielen Menschen. "Stille ist essenziell, um sich konzentrieren zu können. Sie nimmt den Druck von uns, der durch den Lärm von außen entsteht." Der Kommunikationsterror, dem wir permanent ausgesetzt seien, sei geradezu Gift. Pöppel sagt deshalb gerne: "Wenn ganz Deutschland jeden Tag für eine Stunde nicht kommunizieren würde, dann hätten wir hier den größten Innovations- und Kreativitätsschub, den man sich vorstellen kann."

Der Hirnforscher hat seine Erfahrungen im Andechser Isolationsbunker nicht vergessen. "Ich habe daraus gelernt, dass ich es einmal im Jahr brauche, mich von der Welt zurückzuziehen." Dann reist er einige Wochen in den Schwarzwald und geht dort täglich drei bis vier Stunden spazieren. "Muße hat für mich viel mit Gehen zu tun", sagt Pöppel. "Der Physiker Hermann von Helmholtz sagte einmal, er könne überhaupt nur im Gehen denken. Ich erlebe das ähnlich: Im Gehen kommen mir die besten Ideen."

Dass schon der Anblick von Wiesen und Bäumen einen erholsamen Effekt hat, ist mittlerweile sogar wissenschaftlich bewiesen. Im Gegensatz zu einer städtischen Umgebung wird unser Gehirn in der Natur nicht ständig mit neuen Reizen bombardiert und kann sich auf einer Almwiese oder beim Blick aufs Meer besonders gut regenerieren. Wie der amerikanische Psychologe Marc Berman demonstriert hat, muss man dazu nicht einmal ins Gebirge oder an den Strand fahren; um den entspannenden Effekt zu erzielen, reicht ein Spaziergang durch einen Park.

Berman stattete an der University of Michigan Studenten mit GPS-Empfängern aus und ermunterte sie zu einem Spaziergang; die einen promenierten durch ein Arboretum, die anderen durch die Stadt. Beide Gruppen wurden psychologischen Tests unterzogen. Ergebnis: Wer durch die Stadt geschlendert war, war tendenziell schlechter gelaunt, geistig weniger leistungsfähig und unaufmerksamer als diejenigen Studenten, die sich unter Bäumen entspannt hatten. Ein zweites Experiment brachte noch Erstaunlicheres zutage: Schon das Betrachten eines Naturpanoramas auf einem Foto wirkte sich vorteilhafter auf den Geisteszustand aus als das Betrachten einer Straßenszene.

Stadtleben regt zu kreativen Ideen an, deren Umsetzung aber braucht Muße

"Das Gehirn ist nun einmal eine begrenzte Maschine", sagt Berman, "und wenn wir das Bild einer geschäftigen Straße sehen, stellen wir uns automatisch vor, wie es ist, dort zu sein – und schon das hat negative Folgen für unsere Aufmerksamkeit." Von den vielfältigen Eindrücken in der Stadt wird vor allem unser Arbeitsgedächtnis belastet, das die Konzentration und die Willenskraft steuert. Je mehr Reize das Gehirn verarbeiten muss, umso schwerer fällt es, konzentriert und ganz bei sich zu bleiben. In der Natur dagegen, wo die Reizdichte enorm reduziert ist, wird dieser geistige "Kraftspeicher" gründlich aufgefüllt.

Natürlich haben die vielfältigen Stimuli des Stadtlebens auch eine inspirierende Wirkung; das Zusammenleben vieler Menschen mit unterschiedlichen Ideen auf engem Raum bringt immer neue, ungeahnte Kombinationen hervor und erzeugt eine Atmosphäre ständiger Anregung. Nicht umsonst gelten große Metropolen wie New York, Tokyo oder Mumbai als die Motoren künstlerischer, wirtschaftlicher und sozialer Innovationen. Doch zugleich ist das Stadtleben enorm belastend, und seine vielfältigen Angebote bergen ein gewaltiges Zerstreuungspotenzial. So lässt sich das städtische Getriebe zwar hervorragend als Nährboden für neue Ideen und Pläne nutzen. Doch um diese in die Praxis umzusetzen (oder sich einfach nur vom Stadtgetriebe zu erholen), brauchen wir oft jene Muße, die uns eine reizarme, ablenkungsfreie Umgebung gewährt.

Deshalb bevorzugen Künstler, Schriftsteller oder Wissenschaftler zum Malen, Dichten oder Denken gerne ruhige Umgebungen – ein Atelier auf dem Land, oder eine Büro-Oase im Hinterhof. Sie wissen: Wer kreative Ideen zu entfalten sucht, braucht vor allem Zeit und Ungestörtheit.

Eine seiner Hauptaktivitäten sei "das ständige Sichbefreien von äußerer Pflicht", sagt der Komponist Wolfgang Rihm . Um kreativ sein zu können, müsse er sich Zeit schaffen, "die mir gehört und nicht mit Terminen besetzt ist". Deshalb hält sich Rihm die Ablenkungen des digitalen Zeitalters weitgehend vom Leib. Sein Handy ist meistens stumm geschaltet; wer ihn erreichen will, muss einen Brief schreiben oder auf die Mailbox sprechen. In gewisser Weise sei er provinziell, sagt der Künstler, der zu den bekanntesten deutschen Komponisten der Gegenwart zählt. Doch diese Art von Provinzialität stört ihn keineswegs: "Der tibetische Weise sagt: Man muss auf der Stelle sitzen bleiben, um zu sehen, wie der Schatten um einen herumwandert."

Dass nicht nur tibetische Weise vom Stillsitzen profitieren, illustriert auch die christliche Geschichte. Hätte sich Martin Luther 1522 nicht auf der Wartburg verstecken müssen, fernab von allen Geschäften und Ablenkungen, wäre es ihm wohl nicht gelungen, das Neue Testament in nur elf Wochen ins Deutsche zu übersetzen. In seiner kargen Studierstube wurde er kaum gestört. Nur der Teufel wollte ihn dort angeblich vom Arbeiten abhalten – was der große Reformator der Legende nach mit einem gezielten Wurf seines Tintenfasses abwehrte. Heute dagegen würde der Leibhaftige den Versuch eher mit einem Computer mit Internetanschluss und Flachbildschirm unternehmen; wer weiß, wie die Sache dann ausginge.

Dass die gezielte Reduktion von Reizen hilfreich ist, weiß jeder Arbeitspsychologe. Hirnforscher haben zudem herausgefunden, dass unser Denkorgan beim ziellosen Nichtstun keinesfalls untätig ist; im Gegenteil, manche Hirnregionen sind beim Tagträumen, Schlafen oder Meditieren sogar stärker aktiv als beim zielgerichteten Denken (siehe Kasten). Das legt auch eine Erklärung für jene Geistesblitze nahe, die uns mitunter aus dem Nichts heraus durchzucken. Denn wenn äußere Informationsflut fehlt, kann das Gehirn auf einen riesigen Schatz an gespeichertem "inneren Wissen" zurückgreifen – Erinnerungen, kulturelle Prägungen, unbewusst Aufgeschnapptes und längst wieder Vergessenes.

Befreit von Input, kann das Gehirn gewissermaßen in sich selbst spazieren gehen, frische Verbindungen zwischen Nervenzellen knüpfen und so neue Zusammenhänge zwischen gespeicherten Fakten herstellen. Auf diese Weise entstehen ganz von selbst neue Gedanken und, wenn wir Glück haben, auch unerwartete Geniestreiche. Manchmal erlebt man solche "Aha-Momente" unter der Dusche oder in der Badewanne (so wie Archimedes, dem beim Plätschern das Prinzip des Auftriebs klar wurde); oder man hat sein Heureka-Erlebnis unversehens beim Spazierengehen, beim Musikhören oder abends im Bett.

Spontane Inspiration kann man nicht in Strategien und Businesspläne packen

Zwar geht solch genialen Einfällen eine Zeit intensiven Nachdenkens voraus. Doch man kann es mit dem Grübeln auch übertreiben. Denn das bewusste Denken folgt oft nur den bekannten, ausgetretenen Pfaden. Wer allzu verbissen nach der Lösung sucht, würgt häufig seine Kreativität regelrecht ab – dann wird es Zeit, das Hirn zu lüften. "Setzen Sie sich erst bewusst-rational mit den Argumenten auseinander, aber vertagen Sie die Entscheidung", rät der Hirnforscher Gerhard Roth . "Lenken Sie sich ab, schlafen Sie drüber. Die vorbewussten, intuitiven Netzwerke in Ihrer Großhirnrinde erledigen den Job für Sie."

Für diesen Mechanismus der unbeabsichtigten Genialität gibt es sogar mittlerweile einen eigenen Begriff: Als Serendipity-Prinzip definierte der amerikanische Soziologe Robert K. Merton vor fünfzig Jahren "die zufällige Entdeckung von wichtigen, nicht gesuchten Erkenntnissen durch einen theoretisch vorbereiteten Geist". Ein schönes Beispiel für dieses Prinzip ist etwa die Erfindung der Post-it-Klebezettel.

An deren Anfang stand ein Flop. Als der Chemiker Spencer Silver 1968 für die Firma 3M einen neuen Superleim zusammenrühren wollte, kam eine klebrige Masse heraus, die zwar auf allen möglichen Flächen haftete, genauso leicht aber auch wieder abging. Das Ganze wäre vermutlich völlig in der Versenkung verschwunden, h??tte sich nicht ein Kollege Silvers Jahre später daran erinnert. Art Fry, ebenfalls Chemiker bei 3M, sang im Kirchenchor und ärgerte sich darüber, dass ihm ständig seine Lesezeichen aus den Noten fielen. Da kam ihm sein Gehirn zu Hilfe und spülte die vergrabene Erinnerung an den Haftkleber hoch. Der Rest ist Geschichte: Fry holte sich eine Probe des Klebers aus dem Labor, trug sie auf kleine Zettel auf – und hatte die Post-its erfunden. 1980 kamen die Haftzettel auf den Markt, ein Jahr später bezeichnete sie das Unternehmen 3M als sein herausragendstes neues Produkt. Fry wurde hoch geehrt.

Das Schönste am Serendipity-Prinzip ist wohl die Tatsache, dass man sich dafür zwar öffnen, es aber niemals herbeizwingen kann. Zufall und spontane Inspiration lassen sich nicht in Forschungsstrategien packen oder in Businesspläne fassen. Um sie zu finden, tut man gut daran, gerade nicht den Erfolg zu erstreben, sondern mit möglichst offenen Sinnen durch die Welt zu gehen und nichts Besonderes zu denken. Dann kann man auf das wirklich Besondere stoßen.

Wer übrigens wissen will, wann es Zeit für eine Auszeit ist, für den hat Ernst Pöppel eine einfache Faustregel parat: Führen Sie sich abends Ihren Tag vor Augen, und fragen Sie sich, was Sie Kreatives geleistet haben. "Kreativität ist ein wichtiges Merkmal eines ausgeglichenen Menschen", sagt Pöppel. "Wer nur noch erledigt, abarbeitet, reagiert, braucht definitiv eine Pause."

Dies ist ein gekürzter Auszug aus dem neuen Buch von Ulrich Schnabel: "Muße. Vom Glück des Nichtstuns". Es erscheint in diesen Tagen im Blessing Verlag

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