"Das Gehirn ist nun einmal eine begrenzte Maschine", sagt Berman, "und wenn wir das Bild einer geschäftigen Straße sehen, stellen wir uns automatisch vor, wie es ist, dort zu sein – und schon das hat negative Folgen für unsere Aufmerksamkeit." Von den vielfältigen Eindrücken in der Stadt wird vor allem unser Arbeitsgedächtnis belastet, das die Konzentration und die Willenskraft steuert. Je mehr Reize das Gehirn verarbeiten muss, umso schwerer fällt es, konzentriert und ganz bei sich zu bleiben. In der Natur dagegen, wo die Reizdichte enorm reduziert ist, wird dieser geistige "Kraftspeicher" gründlich aufgefüllt.

Natürlich haben die vielfältigen Stimuli des Stadtlebens auch eine inspirierende Wirkung; das Zusammenleben vieler Menschen mit unterschiedlichen Ideen auf engem Raum bringt immer neue, ungeahnte Kombinationen hervor und erzeugt eine Atmosphäre ständiger Anregung. Nicht umsonst gelten große Metropolen wie New York, Tokyo oder Mumbai als die Motoren künstlerischer, wirtschaftlicher und sozialer Innovationen. Doch zugleich ist das Stadtleben enorm belastend, und seine vielfältigen Angebote bergen ein gewaltiges Zerstreuungspotenzial. So lässt sich das städtische Getriebe zwar hervorragend als Nährboden für neue Ideen und Pläne nutzen. Doch um diese in die Praxis umzusetzen (oder sich einfach nur vom Stadtgetriebe zu erholen), brauchen wir oft jene Muße, die uns eine reizarme, ablenkungsfreie Umgebung gewährt.

Deshalb bevorzugen Künstler, Schriftsteller oder Wissenschaftler zum Malen, Dichten oder Denken gerne ruhige Umgebungen – ein Atelier auf dem Land, oder eine Büro-Oase im Hinterhof. Sie wissen: Wer kreative Ideen zu entfalten sucht, braucht vor allem Zeit und Ungestörtheit.

Eine seiner Hauptaktivitäten sei "das ständige Sichbefreien von äußerer Pflicht", sagt der Komponist Wolfgang Rihm . Um kreativ sein zu können, müsse er sich Zeit schaffen, "die mir gehört und nicht mit Terminen besetzt ist". Deshalb hält sich Rihm die Ablenkungen des digitalen Zeitalters weitgehend vom Leib. Sein Handy ist meistens stumm geschaltet; wer ihn erreichen will, muss einen Brief schreiben oder auf die Mailbox sprechen. In gewisser Weise sei er provinziell, sagt der Künstler, der zu den bekanntesten deutschen Komponisten der Gegenwart zählt. Doch diese Art von Provinzialität stört ihn keineswegs: "Der tibetische Weise sagt: Man muss auf der Stelle sitzen bleiben, um zu sehen, wie der Schatten um einen herumwandert."

Dass nicht nur tibetische Weise vom Stillsitzen profitieren, illustriert auch die christliche Geschichte. Hätte sich Martin Luther 1522 nicht auf der Wartburg verstecken müssen, fernab von allen Geschäften und Ablenkungen, wäre es ihm wohl nicht gelungen, das Neue Testament in nur elf Wochen ins Deutsche zu übersetzen. In seiner kargen Studierstube wurde er kaum gestört. Nur der Teufel wollte ihn dort angeblich vom Arbeiten abhalten – was der große Reformator der Legende nach mit einem gezielten Wurf seines Tintenfasses abwehrte. Heute dagegen würde der Leibhaftige den Versuch eher mit einem Computer mit Internetanschluss und Flachbildschirm unternehmen; wer weiß, wie die Sache dann ausginge.

Dass die gezielte Reduktion von Reizen hilfreich ist, weiß jeder Arbeitspsychologe. Hirnforscher haben zudem herausgefunden, dass unser Denkorgan beim ziellosen Nichtstun keinesfalls untätig ist; im Gegenteil, manche Hirnregionen sind beim Tagträumen, Schlafen oder Meditieren sogar stärker aktiv als beim zielgerichteten Denken (siehe Kasten). Das legt auch eine Erklärung für jene Geistesblitze nahe, die uns mitunter aus dem Nichts heraus durchzucken. Denn wenn äußere Informationsflut fehlt, kann das Gehirn auf einen riesigen Schatz an gespeichertem "inneren Wissen" zurückgreifen – Erinnerungen, kulturelle Prägungen, unbewusst Aufgeschnapptes und längst wieder Vergessenes.

Befreit von Input, kann das Gehirn gewissermaßen in sich selbst spazieren gehen, frische Verbindungen zwischen Nervenzellen knüpfen und so neue Zusammenhänge zwischen gespeicherten Fakten herstellen. Auf diese Weise entstehen ganz von selbst neue Gedanken und, wenn wir Glück haben, auch unerwartete Geniestreiche. Manchmal erlebt man solche "Aha-Momente" unter der Dusche oder in der Badewanne (so wie Archimedes, dem beim Plätschern das Prinzip des Auftriebs klar wurde); oder man hat sein Heureka-Erlebnis unversehens beim Spazierengehen, beim Musikhören oder abends im Bett.