Zwar geht solch genialen Einfällen eine Zeit intensiven Nachdenkens voraus. Doch man kann es mit dem Grübeln auch übertreiben. Denn das bewusste Denken folgt oft nur den bekannten, ausgetretenen Pfaden. Wer allzu verbissen nach der Lösung sucht, würgt häufig seine Kreativität regelrecht ab – dann wird es Zeit, das Hirn zu lüften. "Setzen Sie sich erst bewusst-rational mit den Argumenten auseinander, aber vertagen Sie die Entscheidung", rät der Hirnforscher Gerhard Roth . "Lenken Sie sich ab, schlafen Sie drüber. Die vorbewussten, intuitiven Netzwerke in Ihrer Großhirnrinde erledigen den Job für Sie."

Für diesen Mechanismus der unbeabsichtigten Genialität gibt es sogar mittlerweile einen eigenen Begriff: Als Serendipity-Prinzip definierte der amerikanische Soziologe Robert K. Merton vor fünfzig Jahren "die zufällige Entdeckung von wichtigen, nicht gesuchten Erkenntnissen durch einen theoretisch vorbereiteten Geist". Ein schönes Beispiel für dieses Prinzip ist etwa die Erfindung der Post-it-Klebezettel.

An deren Anfang stand ein Flop. Als der Chemiker Spencer Silver 1968 für die Firma 3M einen neuen Superleim zusammenrühren wollte, kam eine klebrige Masse heraus, die zwar auf allen möglichen Flächen haftete, genauso leicht aber auch wieder abging. Das Ganze wäre vermutlich völlig in der Versenkung verschwunden, h??tte sich nicht ein Kollege Silvers Jahre später daran erinnert. Art Fry, ebenfalls Chemiker bei 3M, sang im Kirchenchor und ärgerte sich darüber, dass ihm ständig seine Lesezeichen aus den Noten fielen. Da kam ihm sein Gehirn zu Hilfe und spülte die vergrabene Erinnerung an den Haftkleber hoch. Der Rest ist Geschichte: Fry holte sich eine Probe des Klebers aus dem Labor, trug sie auf kleine Zettel auf – und hatte die Post-its erfunden. 1980 kamen die Haftzettel auf den Markt, ein Jahr später bezeichnete sie das Unternehmen 3M als sein herausragendstes neues Produkt. Fry wurde hoch geehrt.

Das Schönste am Serendipity-Prinzip ist wohl die Tatsache, dass man sich dafür zwar öffnen, es aber niemals herbeizwingen kann. Zufall und spontane Inspiration lassen sich nicht in Forschungsstrategien packen oder in Businesspläne fassen. Um sie zu finden, tut man gut daran, gerade nicht den Erfolg zu erstreben, sondern mit möglichst offenen Sinnen durch die Welt zu gehen und nichts Besonderes zu denken. Dann kann man auf das wirklich Besondere stoßen.

Wer übrigens wissen will, wann es Zeit für eine Auszeit ist, für den hat Ernst Pöppel eine einfache Faustregel parat: Führen Sie sich abends Ihren Tag vor Augen, und fragen Sie sich, was Sie Kreatives geleistet haben. "Kreativität ist ein wichtiges Merkmal eines ausgeglichenen Menschen", sagt Pöppel. "Wer nur noch erledigt, abarbeitet, reagiert, braucht definitiv eine Pause."

Dies ist ein gekürzter Auszug aus dem neuen Buch von Ulrich Schnabel: "Muße. Vom Glück des Nichtstuns". Es erscheint in diesen Tagen im Blessing Verlag

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