Brooklyn Bridge/City Hall" – bislang war es so, dass sich der Zug schnell leerte, wenn der krächzende Lautsprecher die Endstation der Linie 6, des Lexington Local, ankündigte. Höchstens ein paar schlafende Obdachlose blieben in den Waggons zurück. Das hat sich jetzt geändert: Seit Kurzem ist es erlaubt, auf seinem Platz sitzen zu bleiben, während die Bahn nach der Haltestelle eine Schleife dreht und wieder zurückfährt. Und seit in der New York Times zu lesen stand, dass sich dort hinten am Ende des Schachts die älteste U-Bahn-Station der Stadt verbirgt, bleiben immer mehr Passagiere an Bord.

Angestrengt starren sie in das dichte Schwarz des Tunnels und sehen zunächst nichts als rußige Kabel und grabesgraue Wände vorüberziehen. Dann tauchen plötzlich Säulen, ein Treppenaufgang und das Mosaik mit der Aufschrift "City Hall" unter schwachen Glühbirnen aus dem Dunkel. Wie in einem schlecht erhaltenen Filmfragment flackern im Dämmerlicht die Bilder vergangener Pracht vorbei: die gekachelten Kuppelgewölbe des spanischen Architekten Rafael Guastavino, das blinde Glas der ornamentalen Dachfenster. Ein junger Mann macht die Tour schon zum dritten Mal, diesmal zeigt er seinen Eltern, die aus Kanada zu Besuch sind, den mehr als 100 Jahre alten Bahnhof.

Die Beaux Arts City Hall Station eröffnete am 27. Oktober 1904 um 14.35 Uhr unter dem Jubel der Bevölkerung. Zehntausende New Yorker brachen an diesem Tag zu ihrer ersten unterirdischen Reise auf. Pläne für eine Untergrundbahn hatte es da schon seit einem halben Jahrhundert gegeben. Und 1870 hatte der Erfinder Alfred Ely Beach eine 90 Meter lange Teststrecke eingeweiht, auf der nach dem Modell der Rohrpost Wagen per Luftdruck durch die Tunnel katapultiert werden sollten.

Beachs grandiose Vision, zu der Haltestellen mit Konzertflügeln unter mächtigen Kronleuchtern gehörten, scheiterte dann aber an technischen Schwierigkeiten. Erst im Jahr 1900 begann eine New Yorker Transportgesellschaft mit dem Bau im Untergrund. Die Haltestelle unter dem Rathaus blieb zwar bei Weitem die eleganteste der neuen Strecke, erwies sich aber bald schon als überholt: Für die immer länger werdenden Züge war der Bahnsteig zu kurz und ließ sich wegen seiner scharfen Kurve auch nicht verlängern. 1945 wurde der Eingang an der Park Row für immer verschlossen, und das Schmuckstück der New Yorker U-Bahn verschwand aus dem öffentlichen Bewusstsein.

Erst in letzter Zeit erinnern sich die New Yorker wieder an die verborgenen Schätze in den Tunneln ihrer Stadt. Großen Anteil daran hat das sogenannte Underbelly Project: Ein Jahr lang arbeiteten 103 namhafte street artists aus aller Welt in der Finsternis einer stillgelegten Haltestelle im Brooklyner Stadtteil Williamsburg an Wandmalereien. Wegen der antikommerziellen Haltung der Guerilla-Künstler bekam sie allerdings niemand zu sehen – außer einem New York Times- Reporter. Das geheimnisvolle Projekt wurde schnell zum Stadtgespräch und gab den Medien in den vergangenen Wochen Anlass, über weitere vergessene U-Bahn-Stationen der Stadt zu berichten.

Natürlich gibt es eine bequemere Art, die City Hall Station zu sehen: einfach an der Endstation des Lexington Local auf der anderen Seite des Bahnsteigs in den Express steigen, zum Metropolitan Transit Museum in Brooklyn fahren und dort in aller Ruhe die prächtigen Fotografien des Bahnhofs betrachten.

Gerade mal 19 Sekunden lang zieht der verlassene Bahnhof bei der Fahrt mit dem Lexington Local an den Fenstern vorbei. Und doch ist die Ansicht so aufregend wie ein Blick unter die Haut auf Adern- und Nervengeflechte. "Wie eine Geisterstadt", meint der junge Mann, der mit seinen Eltern in einem der Waggons sitzt. Und deutet auf die Säulen und Bögen, als handele es sich um einen noch geheimen archäologischen Fund.

Informationen: www.mta.info/museum