Die tausend Jahre alten Affenbrotbäume sehen aus wie riesige Urtiere, die die Küste bewachen. Sie stehen in einer grünen Wand aus Kokospalmen, Bambusstauden und Takamaka, afrikanischen Tulpenbäumen. Dazwischen leuchten Orchideenblüten, und man entdeckt Jakobsfrüchte, groß und schwer wie Medizinbälle. Aus dem Laubdach dringen die hellen Grunzlaute der Makis, einer Lemurenart, die hier heimisch ist. Vor dem Galeriewald mehlfeiner, karamellbrauner Sand, ein stiller Strand, beidseitig eingerahmt durch pechschwarzes Lavageröll. Dann der Indische Ozean, schillernd in allen maritimen Sehnsuchtsfarben, türkis, smaragdgrün, saphirblau. Draußen, an der Meereskimmung, perlweiße Korallenbänke.

"Wer an der Plage d’Ngouja ankommt, will nie wieder weg", sagt der alte Mann und schaut hinaus auf die im Sonnenglast schimmernde Bucht. Er strandete 1984 an diesem Gestade, ein Zyklon hatte seine Jacht versenkt. Der alte Mann spricht mit breitem Akzent, er stammt vom Niederrhein. Und Mayotte, dieses tropische Sandkorn zwischen Madagaskar und Mosambik, sah genauso aus, wie man sich nicht nur in Moers oder Krefeld eine Trauminsel vorstellt.

Joachim Berndt heißt der alte Mann, aber alle rufen ihn nur Johann, weil die "Eingeborenen", wie er sie nennt, seinen Namen nicht aussprechen können. Der gelernte Werkzeugmacher blieb und fand Brot und Arbeit im Jardin Maoré, einem kleinen Strandhotel, das so gut im Wald an der Plage d’Ngouja verborgen liegt, dass man es von der Seeseite her gar nicht wahrnimmt. "Ich war da zuständig für alles Maritime", sagt er. Berndt war Bootsführer; er kennt die Buchten, Lagunen und Riffe wie seine Westentasche. Unterdessen hat er 69 Jahre auf dem Buckel und lebt im Ruhestand. Mit dem Land seiner Väter verbindet ihn nur noch die Liebe zu Borussia Mönchengladbach.

Doch bald ist Joachim Berndt wieder Europäer, ob er nun will oder nicht. Im März 2011 wird das nur 376 Quadratkilometer große Eiland offiziell zum französischen Departement. Mayotte, der einhunderterste Verwaltungsbezirk unter dem gallischen Hahn – ein weiteres Überseegebiet, das sich zu La Réunion, Martinique, Guadeloupe und Französisch-Guayana gesellt. Diese vier kann man übrigens schon heute auf unseren Euro-Scheinen entdecken, gleich links unter der Karte von Europa.

Einen Sonderweg beschreitet die kleine Komoreninsel schon seit 1974. Damals sagten die Schwesterinseln sich von Frankreich los. Die Bewohner von Mayotte jedoch blieben als Gebietskörperschaft unter der Patronage der Kolonialmacht – sehr zur Freude der fünftausend französischen Staatsdiener, die sich weiterhin ein schönes Leben machten.

Die Zugehörigkeit zum Mutterland ist nicht zu übersehen. Schon am Flughafen auf der vorgelagerten Insel Petit Terre begrüßt einen die Trikolore, die Autos tragen französische Kennzeichen. Auf dem Weg zur Hauptinsel passiert man die ehemalige Verwaltungszentrale Dzaoudzi, eine koloniale Festung mit weißen Amtsgebäuden, Kirchen und Kasernen. In der Hauptstadt Mamoudzou sticht die Betonburg des Conseil Général ins Auge; es ist die höchste Institution eines Departements. Die Baguettes in den Boulangerien der Innenstadt, die Käseauswahl im Supermarkt, alles ist durch und durch französisch. Vor den Lokalen spannen sich die Gauloises-Sonnenschirme, die Speisekarten offerieren französische Bistroküche . Bezahlt wird mit dem Euro.

Erst wenn man die Vororte hinter sich lässt, sieht man das Paradies, von dem Zivilisationsflüchtlinge wie der alte Johann reden: von Baobabs gesäumte Strände, die den Eindruck erwecken, hier sei noch nie ein Mensch gewesen, dichte Mangrovensümpfe, struppiger Bergwald. Auch Wolfgang Schnitzer kommt von dieser Schönheit nicht los. Wir treffen ihn in Hajangoua, einer kleinen Siedlung an der Ostküste. Dort lebt der Schwabe zusammen mit seinem neun Jahre alten Sohn in einem selbst gezimmerten Heim hoch über dem Meer – eine echte Männerwirtschaft. Schnitzer arbeitet mal als Fremdenführer, mal als Zimmerer und Tischler, mal als Erzieher oder Landschaftsgärtner. Und wenn das Geld dennoch nicht reicht, geht er zum Speerfischen. Er wird uns in den nächsten Tagen die Insel zeigen.