In den vergangenen Wochen war viel vom Comeback der alten Männer die Rede, die nicht nur als gesellschaftliche Instanzen gefragt sind, sondern neuerdings auch im Pop, der ewigen Jugendsphäre, den Ton angeben. Wer nach Gründen für diese Entwicklung sucht, findet die besten Antworten noch immer bei Johnny Cash.

Der Mann mit der Gitarre verkörpert rohes, authentisches Handwerk, und wo hat man das heute noch? Die Musik puristisch, die Kleidung stets schwarz wie ein letztes Bild von Ad Reinhardt, dazu eine Lebensgeschichte von alttestamentarischer Wucht: Cash zog aus, berühmt zu werden, doch mit dem Erfolg kam die Sünde – am Ende aber fand er Vergebung bei seiner treuen Frau June. Im Zeitalter der Patchworkbiografien herrscht Sehnsucht nach den großen Erzählungen.

Am 5. Dezember versteigert das amerikanische Auktionshaus Julien’s Stücke aus dem Nachlass von Johnny Cash, der im September 2003 starb. Wie oft bei solchen Auktionen liest sich der Katalog wie ein Lebensabriss, so erhält das Einzelobjekt mehr Aura, wird zum Schlüsselwerk.

Angeboten wird die Gitarre, mit der Cash seine ersten, und jene, mit der er seine letzten Konzerte spielte. Das Plakat zum legendären Auftritt im Gefängnis von San Quentin mit der Mahnung, sich bestens zu benehmen (es kam bekanntermaßen anders). Außerdem handgeschriebene Liedtexte und Gedichte, Briefe der US-Präsidenten Nixon und Carter, diverse Bühnenoutfits, Schallplatten und Magazine.

Das vielleicht bemerkenswerteste Stück der Auktion aber, jenes, in dem der kompromisslose Minimalismus (und staubtrockene Humor) dieses Mannes steckt, ist ein schlichter Notizzettel. Auf ihm steht: Nicht rauchen. June küssen. Niemand sonst küssen. Husten. Pinkeln. Essen. Nicht zu viel essen. Sich plagen. Mama besuchen. Klavier üben. Cashs To-do-Liste liest sich wie die Zehn Gebote. Anmerkungen? Nicht nötig.

Den amerikanischen Fotografen Alec Soth begeistert das Stück offenbar dermaßen, dass es ihn zu einer außergewöhnlichen Aktion animierte. Er hat eine Reproduktion des Zettels auf sein Blog gestellt – demjenigen, so schreibt Soth dazu, der das Original in der Auktion erwirbt, bietet er im Tausch eines seiner Werke an.