Wahre Liebe macht ja nicht blind, sondern öffnet die Augen. Erst wenn dann Nachsicht dazukommt, Mitleid, Schutz, Anbetung, Fürsorge, Selbstbetrug – dann wird die Klarsicht des Urteils getrübt. Volker Weidermann, der Feuilletonchef der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung, liebt den Schriftsteller Max Frisch. Und genau deshalb ist ihm etwas Außerordentliches gelungen: eine Biografie, die die Schwächen und die Schattenseiten des Menschen und des Autors Max Frisch genau erkennt und schonungslos offenlegt.

Eine Biografie also, die sich von all den vorangegangenen Versuchen dadurch unterscheidet, dass sie nichts ausblendet oder schönredet, nicht die kitschigen Frühwerke, nicht Frischs Schweizer Nationalismus, nicht Frischs notorische Untreue, nicht seinen penetranten Machismo, nicht seine groteske Unfähigkeit zum Vatersein, nicht das Politisch-Holzschnittartige seiner Theaterstücke, nicht seinen Alkoholismus und seinen Jähzorn.

Das alles wird in großer Klarheit geschildert, mit Quellen, Literatur- und Menschenkenntnis. Doch gerade weil der Autor immun ist gegen die klassische déformation professionelle der biografischen Zunft, der Heldenverehrung, gelingt ihm nicht nur eine eindrucksvolle Schilderung von Frischs literarischen Heldentaten, vor allem der monumentalen Selbstporträts Stiller und Montauk . Sondern eine Biografie von großer Glaubwürdigkeit und Lebendigkeit.

Denn das ist natürlich das große Problem jeder biografischen Annäherung an Max Frisch: Fast dessen gesamtes literarisches Werk ist eine mal pathetische, mal verstörte autobiografische Annäherung an sich selbst. Mein Name sei Gantenbein, sei Bin, sei Stiller, sei Homo Faber, sei Biedermann, sei Brandstifter, sei Max Frisch. Biografie als Spiel, wie er es selbst einmal genannt hat, als Angst vor dem missglückten Leben. Hinzu kommen seine großen Tagebuch-Veröffentlichungen, sein Fragebogen, schließlich Montauk. Jeder deutsche Oberstufenschüler der achtziger und neunziger Jahre kann die Weisheiten über die "Identitätsproblematik bei Frisch" im Schlaf herunterbeten, kaum ein Leben und Werk in der deutschen Literatur nach 1945 scheint mehr interpretiert und ausgedeutet und weniger geheimnisvoll als das des pfeifestopfenden Griesgrams aus Zürich.

Wir haben gelernt: Alles Schreiben bei Frisch ist ein Bekenntnis, ein missglückter Versuch, sich vor sich selbst und der Welt zu verstecken. Ein Leben im ewigen Zweifel. Es sind vor allem immer wieder seine unglücklichen Ehen und Liebesgeschichten, die er in Romanform zu bewältigen versucht – und doch sind es, sowohl bei seiner ersten Frau Constanze von Meyenburg wie bei Ingeborg Bachmann oder seiner zweiten Ehefrau Marianne Oellers, erst diese gedruckten Bewältigungsversuche, die die Beziehungen endgültig beenden. Er machte aus dem Leben Literatur, und dann rächte sich das Leben. Weil Max Frisch erst mit seiner alten Olivetti-Schreibmaschine aussprechen konnte, was seine Frauen immer schon befürchtet hatten. Zum Beispiel: "Ich glaube an die Gewalt der Liebe und der Untreue."

Volker Weidermann folgt dieser Frischschen Gewaltenteilung, den Fährten, die der Autor in seinen Werken zu seinem Leben gelegt hat – und er schlägt selbst neue Schneisen aus dessen Leben in sein Werk. Er hütet sich vor verstiegenen Thesen, aber auch vor unnötigen Verharmlosungen. Und wird manchmal selbst stumm, wenn er etwa Brief für Brief, Karte für Karte im Max-Frisch-Archiv in Zürich den Briefwechsel von Frisch mit seinem Jugendfreund Werner Coninx nachliest, der zunächst nicht nur die Anzüge weitergibt, sondern dann auch noch Frischs Architekturstudium finanziert, bis die Beziehung diese Unwucht nicht mehr aushält und "die Freundschaft versiegt. Es ist traurig, das in den Mappen des Archivs so vor sich liegen zu sehen." Und auch mancher nassforsche Ausbruch des juvenilen Frisch lässt den Biografen erschrecken: "Dieser Brief ist das unangenehmste Zeugnis des frühen national-schweizerischen Chauvinismus Max Frischs."

Das Buch beginnt mit dem jungen Journalisten, der von der Eishockey-Weltmeisterschaft 1933 in Prag für die Neue Zürcher Zeitung schreibt, der mit seiner Mutter in einer kleinen Wohnung lebt, verarmt und sich die Zahnbehandlung nur dann leisten kann, wenn er sich im Hörsaal als Versuchskaninchen vorführen lässt. Die hängenden Augenlider hingegen, die mit dem Alter noch tiefer hängen, die hat er sich selbst in Kindestagen runtergezogen, beim monatelangen Lesen bei zu schlechtem Licht unter der Decke. Jener merkwürdige Blick wie durch halb geschlossene Jalousien, der die Frauen betörte und seine Feinde wahnsinnig machte, den hatte er sich lesend selbst erworben.