Und auf einmal trauen sie sich doch: Paare, die schon ein, zwei Jahrzehnte zusammen sind, ein, zwei Kinder haben und gern auch bereits ein, zwei Lebenskrisen hinter sich. In meinem Freundeskreis sind es in diesem Jahr fünf solcher Paare, die jetzt doch noch heiraten, die späten Hochzeiter, scheint mir, sind auf dem besten Weg, zur neuen sozialen Bewegung zu werden. Sogar Julio Iglesias hat es endlich getan: Mit 66 Jahren hat er im August der Mutter seiner fünf Kinder das Jawort gegeben. Werden die auf einmal alle sentimental?

Beim Statistischen Bundesamt sagen sie: Ja, der Eindruck stimmt, die Menschen lassen sich heute mehr Zeit mit dem Heiraten. 1991 heirateten Männer im Schnitt noch mit 31,8 Jahren, 2008 mit 37,0 (egal, ob zum ersten oder zum wiederholten Mal). Bei den Frauen stieg das Heiratsalter von 28,9 auf 33,8. Und: 1991 hatten acht Prozent der Brautleute schon gemeinsame Kinder, 2008 knapp 20 Prozent.

Die späten Hochzeiter, die ich kenne, wären nie auf die Idee gekommen, dass sie und ihre Kinder nicht zusammengehören. Trotzdem hatten einige von ihnen jahrelang verkündet: "Heiraten? Wir? Nie!" Andere hörten gar nicht auf, übers Heiraten nachzudenken, aber sie kamen damit halt nie zu Ende. Ach, wie oft hatten sie uns, die wir schon Ja gesagt hatten, fragend angeguckt, als wollten sie ergründen, ob dieser Ring, den wir nie ablegten, nicht verhext war und uns vorzeitig altern ließ. Sie selbst waren doch noch jung, so jung. Nicht zu heiraten, das war auch eine Weigerung, erwachsen zu werden. Eine Rebellion gegen uns Jasager, gegen das Establishment (wobei wir Verheirateten uns manchmal fragten, ob unser Modell nicht das riskantere war – welche Gefahr bedeutet das schon, sich nicht zu binden?). Vielleicht haben wir auch ein zu schlechtes Beispiel abgegeben, als dass sie uns hätten nacheifern wollen, bei ihnen selbst lief es sowieso immer bestens – warum hätten sie da etwas ändern sollen?

Als sie irgendwann doch fertig waren mit dem Nachdenken (und sich möglicherweise eingestanden hatten, dass sie inzwischen selbst ein klitzekleines bisschen zum Establishment gehörten), als sie die Idee mit dem Heiraten dann doch gut fanden, hatten sie keine Zeit. Der Job, die Kinder, die Weltreise, und außerdem immer die leidige Frage, wer wem nach so langer Zeit einen Antrag machen sollte und wie – nach so langem Ringen durfte er ja nicht zu banal sein. (Ein Freund entschied sich für eine theatralische Variante im buchstäblichen Sinn: Er mietete ein Theater und ließ zwei Schauspieler das gemeinsame Leben mit seiner Zukünftigen auf die Bühne bringen.) Jetzt endlich also das volle Programm – Ja sagen, sich einander versprechen, noch mal ein erster Kuss, Standesamt, manchmal Kirche, immer aber: ein Fest, das es schafft, all die Jahre des Nichtstuns zu kompensieren.

Spät zu heiraten, stellt sich nun heraus, hat ziemlich viele Vorteile, sowohl für das Paar als auch für die Gäste. Die Brautleute sind souveräne, stilsichere Gastgeber, sie können sich ein ordentliches Fest leisten. Das Essen und die Getränke sind schon mal super. Außerdem waren die Brautleute ja schon bei vielen frühen Hochzeiten und wissen deshalb das Schlimmste zu verhindern: keine Bobbycar-Rennen also, und die Braut muss auch keine nackten Männerbrüste betasten, um rauszufinden, welche dem Bräutigam gehört. Vor peinlichen Diashows müssen die Spätberufenen sich nicht fürchten, die Gäste sind ja ebenfalls erfahren und PowerPoint-geübt, wenn nicht schon in der Post-PowerPoint-Phase. Auch ein Kennzeichen der späten Hochzeit: Die Braut trägt selten Weiß, es wird nichts verschleiert (dafür kann ihr passieren, was der Freundin einer Freundin widerfuhr, die in Rot heiratete und bei einer Hochzeit einer weiteren Freundin ihr Kleid noch einmal anzog – die Braut trug leider das gleiche). Es ist alles ein bisschen ehrlicher, was in Beziehungsdingen ja nicht falsch sein kann.