Es sieht schlecht aus für SAP. In der vergangenen Woche entschied eine amerikanische Jury, dass Deutschlands größter Softwarekonzern seinem Konkurrenten Oracle 1,3 Milliarden Dollar Schadensersatz zahlen solle. In den nächsten Tagen muss nun das Bezirksgericht im kalifornischen Oakland verkünden, ob es den Vorschlag der Geschworenen akzeptiert – und damit einen neuen Rekord aufstellt, "die größte Summe, die jemals wegen Softwarepiraterie zugesprochen wurde", wie Oracle schon jubelte.

Juristisch ist der Fall noch nicht entschieden, gleichwohl erzählt er eine Menge über das Rechtssystem der USA und dürfte das Geschäft mit Unternehmenssoftware weltweit verändern.

Der Hintergrund des Falls: Die frühere SAP-Tochterfirma Tomorrow Now hatte vor einigen Jahren die Software diverser Firmen gewartet und im Zuge dessen Daten von Oracle, die sich auf den Servern dieser Unternehmen befanden, unerlaubt heruntergeladen. Dem Datenklau, den SAP zugab, folgte der Prozess um Urheberrechte, bei dem es vor allem um die Höhe des Schadens ging. SAP bezifferte ihn mit 40 Millionen Dollar, Oracle forderte bis zu vier Milliarden Dollar. Am Ende gab sich SAP angesichts des Votums der Jury überrascht und "natürlich enttäuscht".

Die Entscheidung fiel ungewöhnlich schnell: Zwei Wochen zuvor wollte Oracle noch mithilfe von Privatdetektiven den früheren SAP-Vorstand Léo Apotheker vor Gericht zerren – als entscheidenden Zeugen. Der Plan misslang, aber offenbar konnte die Jury problemlos auf die persönliche Aussage des Managers verzichten. Vielleicht half, dass Thanksgiving unmittelbar bevorstand. Das Fest verbringen viele Amerikaner traditionell im Kreis der Familie. Der Jury aber war gerichtlich jede Kommunikation mit Außenstehenden über den Fall untersagt. Möglich also, dass die Geschworenen zwei Tage vor Thanksgiving einfach schnell fertig werden wollten.

Aus deutscher Sicht ist ohnehin schwer verständlich, warum man die Höhe eines Schadens von Laien bestimmen lässt. SAP und Oracle lagen ja um den Faktor 100 auseinander. Schon das zeigt die Schwierigkeiten, Urheberrechtsverletzungen in Dollar auszudrücken. Warum sollten sich Laien im Gewirr von Marktpreisen und entgangenen Gewinnen auskennen? Die Schadensfeststellung kann in solchen Fällen schnell zu einer Art Abstimmung geraten – nicht ohne Grund werden amerikanische Wirtschaftsprozesse von Firmen weltweit als unberechenbar gefürchtet.

Es wird nun spannend zu sehen sein, wie die Jury ihre Entscheidung begründet. Das muss sie, auch um die Rekordsumme gegenüber dem Gericht zu rechtfertigen. Erst nach der Veröffentlichung dieser Begründung und einer endgültigen Entscheidung des Gerichts wolle man über Rechtsmittel nachdenken, heißt es bei SAP.

Sollte es bei den 1,3 Milliarden Dollar Schadensersatz bleiben, wäre das ein problematisches Signal an die gesamte Softwarebranche. Unabhängige Dienstleister, die in vielen Firmen Computerprogramme pflegen, stünden angesichts unkalkulierbarer juristischer Risiken vor dem Ende ihres Geschäftsmodells. Man muss sich diese Dienstleister vorstellen wie freie Autowerkstätten: Es wäre ihr Aus, sollten die großen Autohersteller faktisch durchsetzen, dass ihre Modelle allein in Vertragswerkstätten zur Inspektion gebracht werden dürfen. Und im Prinzip liefe es in der Computerbranche darauf hinaus, dass Oracle-Software nur noch von Oracle-Firmen gewartet wird und SAP-Software von SAP-Firmen. Der Fall ist eben auch Oracles Versuch, das Geschäft mit der Wartung der eigenen Software unter Kontrolle zu bringen. Der Konzern ficht noch einen ähnlichen Streit aus – er lebt nicht nur von Entwicklung und Verkauf seiner Software, sondern auch von deren Wartung.

Für SAP gilt das natürlich im gleichen Maß. Insofern könnte eine juristische Niederlage für die Deutschen zumindest in dieser Hinsicht am Ende noch eine angenehme Nebenwirkung haben.