Le Mépris – Die Verachtung. Eine Kamera fährt einer anderen voraus, die eine junge Frau begleitet, die durch Cinecitta geht. Das Bild eines Bildes. Ein Travelling eines Travellings. Die Titel werden gesprochen. Am Ende ein Zitat. Ein Satz von André Bazin.

Am Anfang von

Ich habe mir diesen Satz nie merken können, obwohl oder gerade weil er mir immer wahnsinnig einleuchtend und klar war. Eben habe ich ihn nachgeschlagen. Im Netz ist ja alles. Irgendwo.

Die Verachtung ist die Geschichte dieser Welt."

Bazin sagt: "Das Kino schafft für unseren Blick eine Welt, die auf unser Begehren zugeschnitten ist.

Schon hier beginnt Auseinandersetzung. Nicht nur die zwischen Brigitte Bardot und Michel Piccoli. Fritz Lang und Jack Pallance. Godard setzt auseinander. Die Erzählung. Und die Produktion von Erzählung.

1990. Wir studierten an der Berliner Filmhochschule DFFB. Ein Kommilitone war Aufnahmeleiter bei Godards Deutschland Neu(n) Null. Allemagne 90 Neuf Zero. Sie fuhren herum, durch Deutschland, durch die Mythen, durch die Zonenrandgebiete wie in einem Le-Carré-Roman. Godard wollte uns besuchen kommen, ein Nachmittag, mit Hanns Zischler, der neben Eddie Constantine spielte. In der Woche vor seinem Besuch stellten wir eine Filmreihe zusammen, die mittleren, die späten Filme und Fernsehsendungen. One Plus One. La Chinoise. Six fois Deux. King Lear. Detektive.

Detektive war sein letzter Erfolg, glaube ich. Lief in den normalen Programmkinos. Ein Mafioso, der sagt, dass er seine Hände vor dem Pinkeln wäscht. Das, was die Sponsoren im Film sehen wollten, das Product-Placement, ist hier unfassbar vergrößert. Johnny Hallyday, der in einen riesigen Emmentaler beißt. Oder in eine riesige Toblerone. Dann ist da Godards Liebe zum amerikanischen B-Kino. Waffen, Hotelzimmer, schöne, einsame Frauen, müde, einsame Männer. Lord Jim.

Bei Schlecker wurde der Film verramscht, mit dem Titel: Investigation – die totale Überwachung. Billiges Cover: Waffen, Hotelzimmer, schöne Frauen, einsame Männer. Godard tauchte in den Credits nicht auf. So hat der Markt, der dem Kino folgte in der Verwertungskette, Detektive noch einmal ausgepresst. Ich denke, dass es ihm gefallen würde.

Mein Kollege Thomas Arslan und ich hatten vorher noch eine Filmreihe mit Herschell Gordon Lewis’ Filmen und einem Monte-Hellman-Film, der nie ins Kino kam, zusammengestellt. 2000 Maniacs von Lewis war einer von Godards Lieblingsfilmen. Den zeigten wir auch. Merkwürdige Korrespondenzen. 2000 Maniacs ist ja ein Vorläufer: der erste Film, in dem eine Gruppe von unbefleckten, glatten; schönen Menschen irgendwo mit Motorschaden liegen bleibt oder sich verirrt hat, und irgendwelche verdrängten Rednecks kriechen aus den Ritzen und beginnen ihr Abschlachtwerk. Tobe Hooper und später Wes Craven haben das mit ihren Horror- und Splatterfilmen weitergeführt. Irgendwas Politisches war bei diesen Filmen immer dabei. Atombombentests zum Beispiel. Man hatte ein Dorf zu Versuchszwecken kontaminiert und die Überlebenden in ihren deformierten Körpern nehmen Rache.

Lewis hatte schon Anfang der Sechziger begonnen, vergessene Playmates oder Weinköniginnen zu Darstellern zu machen. Merkwürdig leicht und unbeteiligt liefen diese Mädchen durch die Schlachtszenen. Wir waren erstaunt, wie ähnlich sie den Mädchen aus Godards One plus One waren. Oder den Benetton-Models aus seinem Film King Lear.

Dann kam Godard tatsächlich zu uns. Er ging zu den Vorführern. Die Zweibandtechnik interessierte ihn. Er stellte Fragen. Die Vorführer waren beeindruckt, vielleicht fühlten sie sich endlich mal respektiert. Studenten kommen ja meist aus der Oberschicht. Techniker haben Dienstleister zu sein.

Sie ließen sich ein Autogramm geben.

Draußen war die Mauer gefallen, und wir saßen auf Kameras und Tonbandgeräten. Was sollen wir filmen? Was haben wir gesehen? Überall die Mauerbilder, auf Spiegel TV und ARD und ZDF. Immer das eine Bild.