Im Ruf, jegliche Gefahr zu verachten, stand seine Familie schon seit Jahrhunderten. Es war auch seine hervorstechendste Eigenschaft. Als sein Vater von einer Kanonenkugel getroffen wurde, war er zwei Jahre alt, mit 13 Jahren war er Vollwaise. Seine Mutter hatte gewollt, dass er eine ordentliche Schulbildung erhielt, aber ein Jahr später befand er sich im Rang eines Offiziers auf der Militärakademie. Mit 17 mehrte eine arrangierte Ehe den Reichtum des Erben eines der größten Vermögen des Landes und brachte ihm zudem ein Regimentskommando ein.

Der Schwiegervater hatte viel mit ihm vor, jedoch geriet schon sein erster öffentlicher Auftritt zum Fiasko: Mit linkischen Manieren machte er sich zum Gespött, und als sie ihn tanzen sah, brach die Erste Dame des Landes in Lachen aus. Dies war nicht seine Welt. Gegen höchsten Befehl und auf die Gefahr hin, wegen Fahnenflucht verurteilt zu werden, machte er sich in Frauenkleidern auf den Weg, um einer Sache zu dienen, die für ihn zeit seines Lebens eine Art Religion war. Dabei fand er einen Mentor und väterlichen Freund, wurde geschätzt und konnte sich auszeichnen.

Nicht nur seine Heimat feierte ihn daraufhin als Helden; andere Zeiten erforderten nun auch hier andere Talente. Seine Erfahrungen und Überzeugungen beförderten ihn an die Spitze politischer Bewegungen. Sich dort zu halten gelang ihm erstaunlich lange, obwohl er für die einen ein Rebell, für die anderen ein infamer Verräter und Verschwörer war. Unerschütterlich blieb er seinen Prinzipien treu. Wenn er es für seine Pflicht hielt, stellte er sich auch allein einer lynchbereiten Meute entgegen. Zwischen den Fronten kämpfte er für seine Ziele, tat dabei aber alles, um die Ordnung aufrechtzuerhalten. Als er dafür Gewalt anwendete, konnte ihn auch sein Ruf nicht mehr schützen. Der Versuch, vom neutralen Ausland aus weiterzukämpfen, endete mit seiner Festnahme. Ohne Verfahren wurde er als Bedrohung für den gesamten Kontinent in Festungshaft genommen. Freunde aus aller Welt bemühten sich um seine Freilassung, schickten Petitionen und Geld, schmuggelten mit unsichtbarer Tinte geschriebene Briefe ins Gefängnis, planten Ausbrüche und versuchten die öffentliche Meinung zu gewinnen. Erst ein Staatsvertrag brachte seine Freilassung.

Den, dem er seine Freiheit verdankte, verachtete er, seine Macht betrachtete er als illegitim. Dafür hielt dieser ihn für einen Mann "ohne Talente, von borniertem Geist, mit vagen Ideen". Nach anfänglicher Dankbarkeit wirkte er aktiv an der Entmachtung mit, erst danach trat er wieder als öffentliche Figur hervor. Ungebrochen in seinen Überzeugungen, kämpfte er auch gegen frühere Freunde für seine Prinzipien. Als ihm selbst die höchste Amt angetragen wurde, lehnte er ab, war jedoch maßgeblich beteiligt an der Demontage und Inthronisation von Königen. Er starb in einem Alter, das wenige seiner Zeitgenossen erreichten. Wer war’s?

Lösung aus Nr. 48:
Franz Josef Strauß (1915 bis 1988), CSU-Urgestein, bayerischer Ministerpräsident 1978 bis 1988. Den Begriff "Amigo-Affäre" prägte zwar sein Amtsnachfolger Max Streibl, aufgrund ähnlicher Skandale war aber auch Strauß stets heftig umstritten. 1949 bis 1980 saß er im Deutschen Bundestag, war vier Mal Minister (für Sonderaufgaben, Atomfragen, Verteidigung, Finanzen). 1980 trat er als Kanzlerkandidat der Union gegen Helmut Schmidt an und verlor die Wahl. 1983 vermittelte er dem Erzfeind einen Milliardenkredit, 1987 flog er am Steuer des eigenen Flugzeugs nach Moskau und wurde von Gorbatschow im Kreml empfangen