Schnee auch in den Dolomiten, rutschige Straßen, das Dunkle der Berge hinter Nebeln, alle Farbe ist aus diesem Zipfel nördlich von Venedig gewichen, eine Landschaft in strengem Schwarz-Weiß. Und doch strömen zum Wochenende die deutschen Autos von überall her, aus dem Kreis Rendsburg, aus Bremen, aus Ulm, und sie bringen keine Skiurlauber, sondern ganz andere Freunde des Gefrorenen: italienische Eisdielenbesitzer aus Deutschland, die sich im Tal ihrer Vorfahren zur Mostra Internazionale del Gelato Artigianale einfinden, der traditionellen Speiseeismesse, nunmehr im 51. Jahr.

Vertreten sind 230 Firmen rund ums Eis, von Molkerei bis Fruchtsoße, von Becher bis Löffel, vom Serviettenspender bis hin zu den selbst gehäkelten Eistüten mit Kugeln aus Wolle, gefertigt von der polnischen Kunsthandwerkerin Krystyna Godlewska. Ein paar Zehntausend Besucher schieben sich von Sonntag bis Mittwoch zwischen den Kühltresen hindurch, Bambini inklusive, denn Probieren kostet nichts, und es ist dies die Alternative zum Weihnachtsmarkt: Glühweinterror gibt es hier nicht.

Die Stimmung ist gelöst. Man sieht sich, man kennt sich. Die kältegestützte Emigration italienischer Eismacher in die nordischen Sommer über mehr als ein Jahrhundert hinweg ist eine herzergreifende Erfolgsgeschichte, die im Detail bislang nicht aufgeschrieben ist, die man sich deshalb umso lieber immer wieder erzählt. Großvater entfloh noch vor 1900 der Armut der Dolomitentäler und etablierte sich als mobiler Eisverkäufer in Wien, Vater ging in den dreißiger Jahren in die bayerische Provinz, um einen Eisladen zu eröffnen, Sohn half nach dem Krieg, Erdbeer und Zitrone zwischen die Trümmer des Ruhrgebiets zu rücken. Und seither trifft man sich immer wieder Ende November zur Messe, nicht gerechnet jene fünf Jahre nach der Katastrophe: Am Abend des 9. Oktober 1963 war oberhalb von Longarone ein Stausee abgegangen, die Flutwelle riss den Ort weg, 2000 Menschen fanden den Tod.

Etliche Veteranen der deutschen Eisherstellung sind inzwischen dauerhaft in ihre Heimat zurückgekehrt, meist der Familie wegen, aber ihre Augen leuchten, wenn sie von ihren Erfahrungen in Frankfurt am Main oder Eichstätt erzählen. In Deutschland gelte der italienische Eismann noch etwas oder habe vor Jahrzehnten etwas gegolten – die Gegenwart verschmilzt da schnell mit der Vergangenheit.

Deutschland ist neuerdings in Liebe zum Latte macchiato entflammt

Ganz so rosig ist die Lage nämlich nicht mehr. Seit den neunziger Jahren konkurrieren die italienischen Eisdielen einer deutschen Stadt weniger miteinander, als dass sie sich völlig neuen Herausforderungen gegenübersehen. Tchibo rückt vom Bohnenkaffee ab und schenkt Cappuccino aus, Starbucks und Co. besiedeln die City, in jeder Kneipe stehen fauchende Maschinchen, aus denen es unten tröpfelt, nicht selten recht säuerlich. Aber egal! Die Bundesrepublik ist in Liebe zum Latte macchiato entflammt und lässt sich nicht bremsen. Schon im Schuhgeschäft, klagt ein Pionier, werde Wartenden heute ein Tässchen mit Espresso gereicht. Das Privileg der Italiener, hinweggefegt! Dazu kommen Magnum und Häagen Dazs, Ben & Jerry’s, Mövenpick, all das überteuerte Industrieeis mit dem Standardgeschmack – was kann der Eismann da tun, außer zumachen?

Nun, er hat seine Uniteis, die Union italienischer Speiseeishersteller in Deutschland, die auf der Messe recht präsent ist und eine Rückbesinnung auf die Tradition propagiert – mit modernsten Mitteln. Ihr Zugpferd ist Dario Fontanella aus Mannheim, der dort vor vier Jahren die erste gläserne Eisdiele Deutschlands eröffnete. Durch Scheiben sehen die Gäste, was nebenan zu Eis wird. Milch, Frucht, Sahne, Zucker, das Gelbe vom Ei, fein abgewogen alles, und immerzu wird abgeschmeckt von zu "Eisköchen" aufgestiegenen Rühr- und Kühlwerkern, die nach der feinsten Nuance streben. Ließen sich die Altvorderen aus Angst um ihre Geheimrezepte nicht in die Töpfe schauen, dreht sich das nun um, und es gibt sogar Führungen durch die Eisküche. Das Prinzip Manufactum erreicht die Gaumenfreuden der kleinen Leute.

Basilikumeis, Biereis (mit Guinness!), Eis aus Prosecco oder Gewürztraminer, es lässt sich praktisch alles machen, und wenn auch die ersten aller Sorten, Vanille und Schokolade, immer noch die gefragtesten sind, so erregen die Exoten doch Staunen und fordern die neugierige Kundschaft heraus.