Wer Sarah Illenberger fragt, was sie gerade so macht, bekommt schon mal zur Antwort, dass sie gerade einen Käfer aus einem Käfer baut. Weil sie an diesem kleinen, verwunschenen Modellbauladen vorbeigekommen war, dort unbedingt hineingehen musste und ihr beim Anblick eines VW-Käfer-Modellbausatzes der Gedanke kam, ob man vielleicht aus dessen Einzelteilen auch ein Krabbeltier bauen könnte. Also sitzt sie da, stundenlang, und fügt ausgestanzte Plastikteilchen zusammen, bis ein Insekt daraus wird. Das sei wie Meditation, sagt sie.

So wie dem Käfer geht es vielen Dingen, wenn sie in Sarah Illenbergers Hände geraten. Sie verwandeln sich. Mal windet sie eine Häkelwurst so, dass sie aussieht wie ein Dünndarm. Einen Haufen Türklinken hat sie so nebeneinandergelegt, dass das Bild eines Walfischskeletts entstand. Sarah Illenberger nennt ihre Werke "Dreidimensionale Illustrationen". Sie veröffentlicht sie meist als Bebilderungen von Artikeln in Magazinen, oder sie druckt und verkauft sie in kleinen Editionen.

Am liebsten arbeitet Sarah Illenberger, 34, aufgewachsen in München, heute in Berlin lebend, mit Lebensmitteln, wie in diesem Bilderzyklus für das ZEITmagazin: Die Welt, nachgeformt aus Obst und Gemüse. Gurken werden zu Kakteen, Rote Beete zu Rubinen, aus einer Melone formt Sarah Illenberger einen Fußball. Aus Zwiebelringen macht sie Ohrringe, Chilis lässt sie aus einem Feuerzeug hervorzüngeln. Meist sind es nur wenige Handgriffe, mit denen sie die Dinge transformiert. Dabei wird deutlich, dass ihre größte Gabe nicht ist, Lebensmittel kunstvoll zu verarbeiten, sondern sie richtig zu betrachten. Die Illustratorin erkennt die andere Seite der Dinge, ihr geheimes Doppelleben. Das kann lustig sein, wenn eine Birne zur Glühbirne wird, brutal, wenn sich ein Granatapfel in eine Handgranate verwandelt. Oder unheimlich, wie bei dem Kohlkopf, den Sarah Illenberger zu einem Gehirn verarbeitet. Sie verwandelt die Dinge in das, wonach sie benannt sind. Schöner ist einem jedenfalls noch nie der Appetit auf den Kohlkopf genommen worden.

Sarah Illenberger sagt, dass sie an der Arbeit mit Obst und Gemüse besonders die Vergänglichkeit schätze: Schon nach einer halben Stunde wird das Objekt welk – und es bleibt nur ein grandioser Augenblick, in dem etwa eine Orange und eine Grapefruitscheibe zu einem Planeten verschmelzen.

Es gibt auch eine einfachere Erklärung für ihre Leidenschaft: Sie wuchs als Tochter eines Gastronomen auf. Und hat in ihrer Kindheit viele Stunden in der Speisekammer verbracht, um dort mit Eiern, Äpfeln, Nudeln und Mehl zu spielen. Sie hat einfach nie damit aufgehört.