"Wird es dem Euro zu Beginn des 21. Jahrhunderts so gehen wie dem Völkerbund zu Beginn des 20. Jahrhunderts?", fragte dieser Tage die New York Times . "Eine große Idee, die zum politischen Waisenkind wurde?"

Das muss, wenn Europa entschlossen handelt, nicht so kommen. Bisher ist der Euro eine Erfolgsgeschichte. In der Weltwirtschaftskrise 2008/09 war er ein Bollwerk, das die europäischen Finanzmärkte vor den schlimmsten Verwüstungen schützte. Als der Euro eingeführt wurde, lag sein Umtauschkurs bei 1,18 US-Dollar. Heute, mitten in der Euro-Krise, sind es 1,32 Dollar. Längst ist der Euro nach dem US-Dollar weltweit die zweitwichtigste Reservewährung.

"Europa ist nicht das Problem, sondern die Lösung!", schreibt Ex-Finanzminister Peer Steinbrück in seinem Buch Unterm Strich. Das weiß auch sein Nachfolger Wolfgang Schäuble, und natürlich weiß es auch die Bundeskanzlerin. Warum haben sie dann den Eindruck aufkommen lassen, Deutschland renationalisiere seine Außenpolitik? Aus Angst vor den Populisten? Aus Angst vor einer Anti-Euro-Partei?

Die Einführung der Gemeinschaftswährung war die wichtigste politische Entscheidung, die Europa je getroffen hat. Ihr Ende, kein Zweifel, wäre der Beginn vom Ende der EU. Deshalb ist sie mit aller Kraft zu verteidigen, statt über den Ausschluss einzelner Mitgliedsstaaten, eine Teilung in einen Euro Nord und einen Euro Süd oder gar über den Austritt Deutschlands zu räsonieren. Was für ein weltfremder Unfug!

Aus Berlin kommt ein neuer Ton: Gereizt, einfallslos, rechthaberisch

Wenn doch die Kanzlerin nur die Kraft hätte, all dies in Worte zu fassen. Sie muss für den Euro kämpfen. Sie muss den Spekulanten klarmachen: Wir haben den Willen, das Geld und die Geduld, eure Attacken auf unsere Währung abzuwehren. Und genau das werden wir auch tun. Verlasst euch drauf! Und sie muss ein Signal des Aufbruchs geben: Wir verteidigen den Euro, weil wir ein starkes Europa wollen.

Ein Europa, das Vertrauen in seine politische und wirtschaftliche Zukunft hat. Das wie die USA und wie China in der Weltpolitik gehört werden möchte und das seine Interessen selbstbewusst wahrnimmt.

Ein Europa, das wissenschaftlich und technologisch an der Spitze bleiben will. Das keine Edelboutique für kaufkräftige Amerikaner und Asiaten werden möchte.

Ein Europa, das auf seine kulturellen Errungenschaften stolz ist. Das seinen modernen Sozialstaat für weltweit nachahmenswert hält.

Es gab mal große Europäer in diesem Land: Adenauer, Brandt, Schmidt, Kohl, Genscher. Auch Schäuble gehört eigentlich in diese Reihe, aber auch er findet die richtigen Worte nicht.

Stattdessen kommt dieser neue, unschöne Ton aus Berlin: gereizt, einfallslos, rechthaberisch. Gebraucht wird etwas anderes: europäischer Patriotismus. Wer glaubt, Solidarität in kleiner Münze zahlen zu können, der bringt Europa um seine Zukunftsfähigkeit.

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