Ein Jahrzehnt nach dem Pisa-Schock darf sich Deutschland nun über Pisa freuen. Wir erinnern uns: Im Jahr 2001 stellte die Pisa-Studie (Programme for International Student Assessment) den deutschen Schulen ein schlechtes Zeugnis aus. Im Lesen, in der Mathematik und in den Naturwissenschaften lagen die Leistungen der deutschen 15-Jährigen im internationalen Vergleich unter dem Durchschnitt. Noch mehr bedrückte der Titel "Weltmeister der Ungerechtigkeit", denn in keinem anderen Land hing die Schulleistung so stark von der sozialen Herkunft ab wie hierzulande.

Das ist nun vorbei. Die Bilanz ist wirklich beeindruckend, denn als eines von wenigen Ländern hat Deutschland sich in nahezu allen Disziplinen verbessert. In der Mathematik und den Naturwissenschaften liegen unsere Schüler nun über dem Durchschnitt, im Lesen immerhin im Mittelfeld. Besonders erfreulich: Dieser Erfolg basiert darauf, dass vor allem die Kinder der Arbeiter und der Einwanderer deutlich aufgeholt haben. In sozialer Ungerechtigkeit sind wir nun nicht mehr Spitze, sondern immerhin Mittelmaß.

Das ist zunächst einmal die Leistung derjenigen, die Tag für Tag an der Schule arbeiten, der Lehrer und der Schüler, aber auch der Eltern. Für sie waren die vergangenen Jahre anstrengend, ihnen wurde mit Misstrauen begegnet, sie wurden mit einer Fülle mehr oder weniger sinnvoller Reformen konfrontiert. Doch die Anstrengung hat sich gelohnt, die Schulen haben neues Vertrauen verdient.

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Auch die Gesellschaft darf sich auf die Schulter klopfen. Die alte Dame, die sich von Grundschulkindern vorlesen lässt, der Sozialpädagoge, der den Schwachen auf die Beine hilft, und alle, für die Leistung kein Schimpfwort mehr ist, sondern eine Selbstverständlichkeit.

Nicht zuletzt die viel gescholtenen Bildungspolitiker haben ihren Anteil an dem Erfolg. Sie hatten den Mut, sich der Leistungskontrolle zu stellen. Nutzlose ideologische Gefechte haben einem parteiübergreifenden Pragmatismus Platz gemacht. Die Schüler wurden nicht mit einer Radikalreform nach vorn gebracht, sondern mit einer Fülle konkreter Veränderungen: mehr Frühförderung, Einführung von Bildungsstandards, Schulinspektionen, mehr Ganztagsschulen.

Befördert wurde diese gemeinsame Anstrengung durch die Pisa-Studie. Viele haben sich dagegen gesträubt, Bildungsleistungen zu messen und in Ranglisten zu vergleichen, wie es in der Studie geschieht. Sogar Bildungsforscher spielen die Bedeutung der Ranglisten herunter. Doch sie irren.

Die Pisa-Studie kann ihre gewaltige Wirkung auf unser Schulsystem nur entfalten, weil sie genial inszeniert ist. Studien, die auf Probleme hinwiesen, gab es schon vor Pisa; sie gingen im allgemeinen Gemurmel unter. Aber der – heilsame – Pisa-Schock wurde durch den Blick auf das Ranking ausgelöst: Deutschland am Ende der Tabelle, irgendwo bei Portugal und Mexiko. Das hat gesessen.