Ist das der grandioseste Kitsch der Welt? Die Schaulustigen strömen aus einem Labyrinth von Palästen, die außen der andalusischen Alhambra nacheifern und innen mit Hotels und Restaurants locken. Zu Tausenden stehen sie um einen künstlichen See in Dubai. Sarah Brightman und Andrea Bocelli schmettern Time To Say Goodbye aus arabisch dekorierten Lautsprechern. Ein Fontänenballett kommt in Gang, 20 Meter hohe Wassersäulen drehen sich in alle Richtungen, spritzen durcheinander, tanzen im Kreis. So geht es hier jede Viertelstunde. Alles – die Paläste, das Wasser, die Musik – ist dem Burj Khalifa zu Füßen gelegt, dem höchsten Turm der Welt. So sieht der neueste Traum der "Old Town" von Dubai aus.

Es war vorerst der letzte Traum, den Dubai sich geleistet hat. Der Burj Khalifa ist heute das Symbol eines Überschwangs, der zum großen Niedergang geführt hat. Die Finanzkrise hat die Glanz-und-Gloria-Metropole am Golf tief in die Schulden gerissen. Dubai stieg ab, und sein Nachbar stieg auf : Abu Dhabi. Das in der Welt bisher weniger bekannte Emirat baut Stück für Stück an seiner Wirtschaft und am internationalen Ruhm. Das Sahnehäubchen von Dubai hat es sich in der Krise auch geschnappt: Der höchste Turm der Welt wurde zur Eröffnung auf den Namen des Herrschers von Abu Dhabi getauft.

Khalifa!

Die Fahrt von Dubai ins Zentrum von Abu Dhabi dauert gut eine Stunde. Vorbei an Wohnsiedlungen, Industriegebieten, hin und wieder sieht man ein Stück Wüste. Abu Dhabi beginnt irgendwo dazwischen. Keine Paukenschläge aus Stahl, keine Kathedralen aus Glas. Einfach Gebäude und normale Straßen. Auf ihnen fährt man zum Herzen der Macht, einem fünfstöckigen Verwaltungsbau, von Sonne und Sand leicht braun verfärbt: der Zentralbank von Abu Dhabi.

Sultan al-Suwaidi bittet, in einem von der Klimaanlage tiefgekühlten Raum Platz zu nehmen. Der Chef der Zentralbank ist umgeben von Trophäen und Pokalen in Glasvitrinen. Man hat schon so manche Schlacht gewonnen. Suwaidi ist ein gelassener Mann in weißer Lokaltracht und Sandalen, der ganz entspannt harte Wahrheiten über den Nachbarn ausspricht. " Dubais Immobilienkrise wird noch lange andauern ", sagt er, und dann: "Was gebaut wurde, sollte für viele Jahre reichen." Einen Kredit von zehn Milliarden Dollar hat Abu Dhabi dem Nachbarn im Dezember 2009 gewährt. Dafür muss der sich heute vom Zentralbankchef in Abu Dhabi sagen lassen, wie er seine Stadt weiterentwickeln darf.

"Jetzt kühlen sich die Gemüter etwas ab"

Natürlich, fügt Suwaidi hinzu, sei Dubai "dynamisch und robust", er meint den Hafen, den Flughafen, den Handel. Nur sei das Schuldenmachen schwerer geworden. Es sei nötig, die Kreditaufnahme zu kontrollieren und die Standards hoch zu halten, um eine neue Blase zu verhindern. "Wir wissen, was falsch gelaufen ist." Der Aufbau sei zu überhitzt gewesen. "Jetzt kühlen sich die Gemüter etwas ab", sagt er und lächelt wieder ganz entspannt. Das gelte auch für Abu Dhabi.

Das Land mit den riesigen Ölvorkommen hat große Pläne. Die chemische Industrie und die Raffinerien sollen ausgebaut werden, ebenso wie spektakuläre Hightech-Projekte. Man will Flugzeuge, Autos und Satelliten mitbauen. Ein Entwicklungsplan für das Jahr 2030 soll die Einmillionenstadt umkrempeln, die Wüste und die vorgelagerten Inseln zugleich erschließen.

Suwaidi sieht Abu Dhabi als Versorgungszentrum der Region zwischen Afrika, Europa und Asien: "Wir liegen in der Mitte der Wachstumsregionen", im Schnittpunkt von Tourismus, Handel und Transport. Der Unterschied zu Dubai: Das ölreiche Emirat will solider planen, schneller auf Fehler reagieren, groß, aber nicht größenwahnsinnig bauen. Die Welt nach der Finanzkrise biete Abu Dhabi eine große Chance, sagt Suwaidi. Heute sei viel weniger Kapital in der Welt, aber genau davon habe Abu Dhabi mehr als genug. "Das macht uns viel stärker als früher."