Qortoba Institute for Arabic Studies steht auf dem Schild über der Tür. Die Sprachschule liegt in einer Seitenstraße in Alexandrias Stadtteil Miami. Miami, das klingt nach Strand, und es gibt hier tatsächlich einen Strand, in der Nähe kann man sogar Bier kaufen. Miami ist ein fröhliches Viertel. Erstaunlich, dass diese Schule hier ihren Platz gefunden hat. Denn an ihr wird nicht nur Arabisch unterrichtet.

Die Schule ist auch eine Ausbildungsstätte für Islamisten der westlichen Welt. Daniel Schneider, Mitglied der Sauerland-Gruppe, inzwischen zu zwölf Jahren Gefängnis verurteilt, weil er Anschläge auf Flughäfen und Diskotheken in Deutschland plante, hat das Qortoba Institute for Arabic Studies besucht. Eric Breininger hatte laut Bundesanwaltschaft vor, hier Unterricht zu nehmen. Er starb zuvor als Gotteskämpfer in Pakistan, vermutlich im April dieses Jahres.

Es sind Salafiten, die die Schule leiten, Angehörige eines erzkonservativen bis fundamentalistischen Islams. Stiftungen in Saudi-Arabien bezahlen lernwilligen Ausländern Stipendien. Die Schüler wohnen in Wohngemeinschaften, im Viertel verteilt. Einer dieser Schüler werde ich sein. Ich habe mich eingeschrieben, um einige der Schüler kennenzulernen. Wenn Journalisten über junge Männer aus dem Westen berichten, die Terroristen wurden, dann recherchieren sie oft in ihrem Umfeld. Mit ihnen sprechen können sie nicht mehr. Weil die jungen Männer im Gefängnis sind oder tot.

Vor einem Jahr war ich hier schon einmal Schüler. Mehr oder weniger zufällig, ich wollte Arabisch lernen. Ich studiere Islamwissenschaften, und mein Dozent an der FU Berlin riet mir zu dieser Schule. Sie sei "etwas religiös". Auch der Reiseführer Lonely Planet empfiehlt die Schule: "...if you are serious about study, the institute can arrange accomodation nearby in student apartments for US$ 130 to 160 per month." Ich reiste damals unvorbereitet in die ägyptische Hafenstadt, drei Busstunden von Kairo entfernt. Ich trug Jeans und T-Shirt und fand mich in einer Welt wieder, in der junge Männer wie ich Bart trugen und Galabia, das traditionelle Gewand Ägyptens. Ein Lehrer erklärte uns, wie wichtig es sei, seine Frau zu schlagen. Um mich herum waren zahlreiche Konvertiten aus dem Westen, aus den USA, aus England. Sie ignorierten mich, schließlich machte ich keinerlei Anstalten, mich für Religion zu interessieren. Damals erholte ich mich von dem ersten Schock, unverhofft im Zentrum des jungen westlichen Islamismus gelandet zu sein, in einer Hafenbar. Ich wurde regelmäßiger Gast dort.

Jetzt bin ich zurückgekehrt, um die konvertierten Schüler kennenzulernen. Dazu muss ich eine Rolle annehmen. Der Vollbart, den ich Wochen vor der Reise habe wachsen lassen, fiel nicht weiter auf in Berlin.

Es ist Anfang September, zehn Uhr morgens, als ich die Schule betrete. Hasan*, der Buchhalter, empfängt mich. Er hat meine EMail bekommen, in der ich schrieb, mehrere Monate lang bleiben zu wollen. Er erinnert sich an mein Gesicht und begrüßt mich mit Namen. "Wie geht es dir?" – "Allah sei gepriesen", antworte ich, es ist eine Floskel. Hasan bittet mich, einen Sprachtest auszufüllen. "Gut, Level drei", sagt er und drückt mir mein Lehrbuch für die fortgeschrittene Gruppe in die Hand, ein säkulares Buch der American University of Cairo.

"Eigentlich bin ich hier, um mehr über den Islam zu erfahren", sage ich. Hasan blickt mich etwas erstaunt an. "Wirklich? Wieso?" Ich erzähle die Geschichte, die ich mir zurechtgelegt habe: Ich sei im vorigen Jahr öfter in Palästina gewesen, bei einem Freund. Der Umgang Israels mit den Palästinensern habe mich mit Wut erfüllt, erzähle ich, ohne lügen zu müssen. Ich hätte viele Leute kennengelernt – und nun beginnen die Lügen –, die im Krieg gegen Israel Brüder oder Schwestern verloren und im Glauben Kraft gefunden hätten. Hasan scheint noch nicht überzeugt, also ersetze ich das Wort Israel in den weiteren Ausführungen durch "die Juden", wie es an der Schule im letzten Jahr viele zu tun pflegten. Hasan nickt schließlich. "Geh am Samstag zu Hamid. Er ist Engländer und schon seit zwei Jahren hier. Er wird dir viel zu sagen haben." Mein Arabisch scheint nicht flüssig genug zu sein, als dass er mir zutraut, den Islam auf Arabisch zu verstehen.