Qortoba Institute for Arabic Studies steht auf dem Schild über der Tür. Die Sprachschule liegt in einer Seitenstraße in Alexandrias Stadtteil Miami. Miami, das klingt nach Strand, und es gibt hier tatsächlich einen Strand, in der Nähe kann man sogar Bier kaufen. Miami ist ein fröhliches Viertel. Erstaunlich, dass diese Schule hier ihren Platz gefunden hat. Denn an ihr wird nicht nur Arabisch unterrichtet.

Die Schule ist auch eine Ausbildungsstätte für Islamisten der westlichen Welt. Daniel Schneider, Mitglied der Sauerland-Gruppe, inzwischen zu zwölf Jahren Gefängnis verurteilt, weil er Anschläge auf Flughäfen und Diskotheken in Deutschland plante, hat das Qortoba Institute for Arabic Studies besucht. Eric Breininger hatte laut Bundesanwaltschaft vor, hier Unterricht zu nehmen. Er starb zuvor als Gotteskämpfer in Pakistan, vermutlich im April dieses Jahres.

Es sind Salafiten, die die Schule leiten, Angehörige eines erzkonservativen bis fundamentalistischen Islams. Stiftungen in Saudi-Arabien bezahlen lernwilligen Ausländern Stipendien. Die Schüler wohnen in Wohngemeinschaften, im Viertel verteilt. Einer dieser Schüler werde ich sein. Ich habe mich eingeschrieben, um einige der Schüler kennenzulernen. Wenn Journalisten über junge Männer aus dem Westen berichten, die Terroristen wurden, dann recherchieren sie oft in ihrem Umfeld. Mit ihnen sprechen können sie nicht mehr. Weil die jungen Männer im Gefängnis sind oder tot.

Vor einem Jahr war ich hier schon einmal Schüler. Mehr oder weniger zufällig, ich wollte Arabisch lernen. Ich studiere Islamwissenschaften, und mein Dozent an der FU Berlin riet mir zu dieser Schule. Sie sei "etwas religiös". Auch der Reiseführer Lonely Planet empfiehlt die Schule: "...if you are serious about study, the institute can arrange accomodation nearby in student apartments for US$ 130 to 160 per month." Ich reiste damals unvorbereitet in die ägyptische Hafenstadt, drei Busstunden von Kairo entfernt. Ich trug Jeans und T-Shirt und fand mich in einer Welt wieder, in der junge Männer wie ich Bart trugen und Galabia, das traditionelle Gewand Ägyptens. Ein Lehrer erklärte uns, wie wichtig es sei, seine Frau zu schlagen. Um mich herum waren zahlreiche Konvertiten aus dem Westen, aus den USA, aus England. Sie ignorierten mich, schließlich machte ich keinerlei Anstalten, mich für Religion zu interessieren. Damals erholte ich mich von dem ersten Schock, unverhofft im Zentrum des jungen westlichen Islamismus gelandet zu sein, in einer Hafenbar. Ich wurde regelmäßiger Gast dort.

Jetzt bin ich zurückgekehrt, um die konvertierten Schüler kennenzulernen. Dazu muss ich eine Rolle annehmen. Der Vollbart, den ich Wochen vor der Reise habe wachsen lassen, fiel nicht weiter auf in Berlin.

Es ist Anfang September, zehn Uhr morgens, als ich die Schule betrete. Hasan*, der Buchhalter, empfängt mich. Er hat meine EMail bekommen, in der ich schrieb, mehrere Monate lang bleiben zu wollen. Er erinnert sich an mein Gesicht und begrüßt mich mit Namen. "Wie geht es dir?" – "Allah sei gepriesen", antworte ich, es ist eine Floskel. Hasan bittet mich, einen Sprachtest auszufüllen. "Gut, Level drei", sagt er und drückt mir mein Lehrbuch für die fortgeschrittene Gruppe in die Hand, ein säkulares Buch der American University of Cairo.

"Eigentlich bin ich hier, um mehr über den Islam zu erfahren", sage ich. Hasan blickt mich etwas erstaunt an. "Wirklich? Wieso?" Ich erzähle die Geschichte, die ich mir zurechtgelegt habe: Ich sei im vorigen Jahr öfter in Palästina gewesen, bei einem Freund. Der Umgang Israels mit den Palästinensern habe mich mit Wut erfüllt, erzähle ich, ohne lügen zu müssen. Ich hätte viele Leute kennengelernt – und nun beginnen die Lügen –, die im Krieg gegen Israel Brüder oder Schwestern verloren und im Glauben Kraft gefunden hätten. Hasan scheint noch nicht überzeugt, also ersetze ich das Wort Israel in den weiteren Ausführungen durch "die Juden", wie es an der Schule im letzten Jahr viele zu tun pflegten. Hasan nickt schließlich. "Geh am Samstag zu Hamid. Er ist Engländer und schon seit zwei Jahren hier. Er wird dir viel zu sagen haben." Mein Arabisch scheint nicht flüssig genug zu sein, als dass er mir zutraut, den Islam auf Arabisch zu verstehen.

 

Hasan ruft einen Jungen, der mich zu meiner Wohnung führen soll. Ich laufe ihm hinterher, mit meinem Seesack beladen, durch Gassen zwischen Wohntürmen. Meine Wohnung liegt im 15. Stock eines Hauses, fünf Minuten von der Schule entfernt.

Als ich die Tür zur Wohnung öffne, sitzt mein künftiger Mitbewohner auf dem Sofa und schaut fern. " Assallam alaikum ", sagt er, und auf Englisch: "Ich bin Salih." Der Junge, der mich hergeführt hat, verabschiedet sich. Ich geselle mich zu Salih aufs Sofa. Im Fernsehen ist ein Scheich zu sehen, der Zuschauern, die bei ihm anrufen, Nachhilfe im Vortragen der Koransuren gibt. "Toller Sender", sagt Salih. Huda TV heißt das Programm. Es wird fast unaufhörlich in meiner neuen Wohnung laufen.

Salih trägt einen dichten Bart. Ich bin erstaunt, als er mir erzählt, er sei erst 21. Er kommt aus Texas. Woher ich komme, will er wissen. Deutschland, sage ich. Das reicht ihm. Ob ich Muslim sei. Nein, sage ich, aber ich sei hier, um mehr über den Islam zu erfahren. Er hakt nicht nach. Angenehm, geht es mir durch den Kopf: Er will mich nicht gleich bekehren. Die Schule hat mich offenbar bei einem ihrer weniger extremen Schüler einquartiert.

Ich schaue mich in meiner neuen Wohnung um, sie ist erstaunlich groß, gelb gestrichen. Es gibt einen Balkon, von dem aus man eine gute Sicht auf das Viertel hat. Lehnt man sich hinaus, kann man das Meer sehen. Das Wohnzimmer ist mit Sesseln und Sofas voll gestellt, an der Wand hängen zwei Zettel: einer mit einem Pfeil, der nach Mekka zeigt. Ein zweiter Zettel listet die Verbote in der Wohnung auf: keine Frauen, keine Zigaretten, kein Alkohol, keine Fremden.

An meinem ersten Abend unternehme ich einen kleinen Spaziergang alleine, Salih zeigt kein Interesse mitzukommen. Im Bett lese ich lese ein wenig und schlafe früh ein. Unwohl fühle ich mich zu meiner Überraschung nicht. Vielleicht ist das Salihs freundlicher Art zu verdanken.

Am nächsten Morgen beginnt mein Sprachkurs an der Schule: zwei Stockwerke, fünf Klassenräume, zwei Aufenthaltsräume. Meine beiden Mitschüler sind Bilal, ein zwölfjähriger Junge aus der nordkaukasischen Republik Dagestan in Russland, und Abdul Rashid, ein 27-jähriger, sehr schweigsamer Kasache. Mein Lehrer macht einen gemäßigten Eindruck. Er ist vorsichtig: Ich bin in seinen Augen schließlich Christ, auch wenn ich nicht getauft bin. In den Pausen der nächsten Tage wird oft darüber gesprochen, wie schlecht es den Muslimen in Europa geht. Allah werde sich kümmern, sagen die Lehrer dann. Sicher würden bald alle Menschen auf der Erde Muslime. Wie genau das passieren soll, sagen sie nicht. Bilal, der Zwölfjährige, erzählt im Unterricht von seinem Traum: Er will Märtyrer werden, wie sein Onkel. Der Lehrer nimmt es wohlwollend zur Kenntnis.

Nach der Schule bin ich in den nächsten Tagen oft mit Salih in der Wohnung. Er isst gerne, bestellt sich Fast Food, und fast immer fragt er, ob ich auch etwas will. Salih ist Sohn pakistanischer Einwanderer. Sein Vater kam als Apotheker offenbar zu Wohlstand, man wohnte in einer guten Gegend, in einem Einfamilienhaus. In jedem Zimmer stand ein Fernseher, erzählt mir Salih, und dabei klingt der Stolz auf diese Errungenschaften durch. Als Kind war Religion nie ein Thema für ihn, seine Eltern zogen ihn nicht muslimisch auf. Erst vor zwei Jahren hat er begonnen, sich mit dem Islam zu beschäftigen, angeblich, weil er in der Schule die Bibel lesen musste und dort auf Widersprüche stieß.

 

"Wo kommst du noch mal her?", fragt Salih schließlich. "Aus Deutschland, nicht?" Als ich nicke, sagt er: "Hitler wird seine Gründe gehabt haben." Ich schlucke. Bislang war Salih ein freundlicher Junge, mit dem ich Burger und Curry gegessen habe. Nun hetzt er gegen die Juden. Ich wisse ja, dass im Koran stehe, wie über die Juden zu denken sei. Er ereifert sich. Es klingt ein bisschen wie auswendig gelernt. Ich glaube ihm noch nicht, dass er das ernst meint. Vielleicht will ich es auch nur nicht glauben.

Am Ende der ersten Woche bin ich mit Hamid verabredet, dem Engländer, der mir den Islam erklären soll. Ich klingele an seiner Wohnungstür, er wohnt eine Querstraße weiter. Er öffnet mit einem freundlichen Lächeln. Hamid ist 28 und war Bauingenieur in England, bevor er vor zwei Jahren an die Schule kam. Nun ist er dort der erste Ansprechpartner für Neulinge, die besser Englisch als Arabisch sprechen und darum nicht direkt von den Lehrern in Religion unterrichtet werden. Seine Gesichtszüge sind weich, er hat einen langen Bart, und auf seiner Stirn lässt sich bläulich ein Gebetsmal erkennen, eine Folge des Betens in der Moschee und auch ein Statussymbol unter den Gläubigen. "Du warst in Palästina, habe ich gehört", sagt er, "wie geht es den Brüdern dort?" Es ist keine Frage. Jeder weiß, dass es den Brüdern dort schlecht geht. Es ist eher ein Test. Also sage ich, was er sicherlich hören will: "Schlecht, sehr schlecht."

"Wenn du die Juden hasst, dann bist du auf dem richtigen Weg", beginnt Hamid. "Und mach dir keine Sorgen um die Palästinenser. Der Krieg dort ist ein Zeichen für das Näherrücken des Tages des Jüngsten Gerichts. Der Krieg muss geführt werden. Das ist Allahs Wille." Ich nicke stumm und denke an die Kriegsopfer, die ich in Palästina gesehen habe. Dann erklärt mir Hamid die fünf Pfeiler des Islams: das Bekenntnis zum Glauben, das fünfmalige Beten am Tag, das Fasten im Ramadan, eine Pilgerfahrt nach Mekka und die Almosen. Rasch kommt er zu den Irrtümern der anderen Religionen: "Wie können die Christen behaupten, ihre Religion sei monotheistisch, wenn sie sagen, Gott habe einen Sohn?", fragt er, ohne meine Antwort abzuwarten. "Das ist Vielgötterei, deswegen werden sie in die Hölle kommen."

Er doziert, der Islam müsse sich verteidigen, wenn er angegriffen werde. "Was will der Westen in Afghanistan? Dort muss der Dschihad geführt werden. Die Menschen in Afghanistan wollen nach der Scharia leben. Die Männer und Frauen sind glücklich dort mit dem Islam." Gerne würde ich einwenden, dass zumindest viele Frauen sicher nicht glücklich sind mit einem Islam, wie ihn die Taliban vertreten. Aber dann wäre meine Rolle nicht mehr glaubwürdig. Nie habe ich an dieser Schule kritische Nachfragen in Glaubensdingen gehört, deshalb stelle auch ich keine.

Der Muezzin ruft zum Gebet, Hamid muss gleich los. "Es gibt da einen amerikanischen Bruder, Umar." Den solle ich kennenlernen. Ich frage ihn, ob er mir seine Nummer geben könne. "Ich werde ihm deine geben."

"Was denkst du nun?", fragt Hamid mich noch, nachdem er mir zwei Stunden lang erläutert hat, dass jeder Weg am Islam vorbei in die Hölle führe. Ich sage ihm, dass das alles logisch klinge. "Warum konvertierst du dann nicht gleich? Wenn du ein Auto kaufst, kennst du ja auch nicht alle Details vorher, sondern lernst sie langsam beim Fahren kennen." Ich antworte ihm, dass ich zuvor gerne noch mehr lernen möchte. Er reagiert enttäuscht. "Bitte Salih, dich zum Gebet mitzunehmen. Allah wird dich leiten, das ist der einzige Weg, Bruder." Er muss jetzt wirklich los.

Es ist halb fünf morgens, tiefe Nacht noch, als am nächsten Tag mein Wecker klingelt. Salih braucht keinen Wecker mehr, sein Gehör reagiert bereits auf den Muezzin. Verschlafen laufe ich ihm hinterher in den Fahrstuhl, in dem immer und immer wieder die erste Sure aus einem Lautsprecher klingt. "Du gewöhnst dich noch an das Aufstehen", sagt Salih. "Es ist toll, wie sehr man seinen Tagesablauf nach den Gebeten richten kann. Alles ist strukturiert."

 

Draußen steht der Mond voll am Himmel, der Wind, der aus dem Nildelta weht, trägt den Geruch von verbranntem Reisstroh heran. Vor der Sharqawi-Moschee steht eine Gruppe junger Männer, auf die Salih zusteuert. Man begrüßt sich auf Englisch, es scheinen europäische und amerikanische Konvertiten zu sein. Salih stellt mich vor. Neben Hamid, meinem englischen Islamlehrer, stehen ein Franzose und ein Amerikaner. "Bei mir im Haus wohnen übrigens noch deutsche Konvertiten", erzählt mir Hamid. Er scheint mir zu vertrauen. Ich bitte ihn, ihnen meine Nummer zu geben, weil sie mir sicher helfen könnten auf meinem Weg. "So Allah will", sagt Hamid. In der Ferne kräht ein Hahn. "Er kräht, um die Anwesenheit von Engeln kundzutun", erklärt mir Salih, bevor er mit den anderen in die Moschee geht. Sie stellen sich in die erste Reihe, ich setze mich an der Rückwand des Gebetsraumes auf einen Stuhl. Nach dem Gebet fragt mich Salih: "Wollen wir heute Abend essen gehen?" Wir verabreden uns für gleich nach dem Unterricht. Ich habe den Eindruck, dass Salih gerne Zeit mit mir verbringt. Ich bin acht Jahre älter als er, aber er darf sich in der Rolle des großen Bruders fühlen, der mir, dem Kleinen, etwas über seine Religion beibringt.

Salih holt mich ab. Wir machen uns auf den Weg zu einem thailändischen Restaurant, von dessen Currys er mir schon vor Tagen vorgeschwärmt hat. Essen ist der letzte Genuss aus seinem alten Leben, den er sich auch weiterhin guten Gewissens gönnt. Er habe, seit er hier sei, schon einige Kilo zugenommen, hat er mir erzählt. Auf dem Weg zum Restaurant begegnet uns ein Esel, der einen Holzkarren zieht und dabei laut schreit. "Der Esel sieht Dämonen", erklärt mir Salih die Schreie. Wir kommen an einem Café vorbei, in dem Männer in Galabia rauchen und Domino spielen. "Wie können sie rauchen, wo das doch verboten ist!" Er versteht die Ägypter nicht so recht. Er ist aus den USA hierhergekommen, in der Hoffnung, er werde unter frommen Menschen sein, aber die meisten Ägypter enttäuschen ihn.

Salih trägt in seiner Tasche ein kleines Büchlein mit dem Titel Fortress of the Muslim, in dem Bittgebete zu allen erdenklichen Gelegenheiten aufgeführt sind, auch ein Gebet vor dem Beischlaf mit der Ehefrau ist darunter. Im Buch wird ein Belohnungssystem aufgestellt: Von einem Gebet etwa wird versprochen, dass, wer es spricht, im Falle eines Todes im Schlaf unmittelbar ins Paradies kommt. "Welche Religion kann einem das schon bieten?", sagt Salih.

Das Restaurant liegt an der Corniche, der Küstenstraße, wo aus vielen Cafés amerikanischer Hip-Hop zu hören ist. Früher war das Salihs Lieblingsmusik, heute ist sie verboten für ihn. Ich frage ihn, ob er noch Bücher liest, außer religiöser Literatur. Er antwortet, alle Fiktion sei verboten, das hätten ihm die Lehrer eingeschärft. Er hält sich aber nicht ganz daran. Manchmal schaut er noch Spielfilme. Vor Kurzem hat er Repo Men gesehen, einen amerikanischen Actionfilm mit Jude Law, heruntergeladen aus dem Internet. "Filme sind, seit ich denken kann, Teil meines Lebens. Aber das schaffe ich auch noch." Rasch beschäftigt er sich mit der Speisekarte.

Wir bestellen grünes Curry. Weil ich Linkshänder bin, nehme ich wie immer die Gabel in die linke Hand. Salih greift über den Tisch und hält meinen Arm fest. "Nur der Satan isst mit links", sagt er ernst. Ich esse also, etwas unbeholfen, mit rechts weiter, und Salih erzählt mir von seinem Leben in Amerika. Er war auf der Pre-Med-School, um sich auf das Medizinstudium vorzubereiten. Aber seine Noten waren so schlecht, dass er nur in der Karibik hätte studieren können, an einer Universität mit mäßigem Ruf. Und so folgte er dem Rat eines Gemeindemitgliedes in Houston und ging, statt zu studieren, zuerst auf diese Schule. Die Medizin könne warten. Seine Eltern waren zwar einverstanden, aber zum Abschied sagte sein Vater zu ihm: "Pass auf, dass du nicht zu religiös wirst." Dafür ist es schon zu spät, denke ich.

Der Kontakt mit seinen Eltern ist spärlich geworden. In all der Zeit habe ich ihn nur zweimal mit zu Hause telefonieren hören, auch Mails sah ich ihn selten schreiben. Mutter und Vater kamen in seinen Erzählungen nur vor, wenn ich danach fragte.

Ob er gewusst habe, wie radikal die Lehrer der Schule dächten? Er beantwortet die Frage nicht direkt. Er überlegt eine Weile. "Nun, die Lehrer hier sind schon religiöser als die Leute in meiner Moschee in den Staaten. Aber sie haben ja recht. Es steht ja alles so im Koran, was sie sagen." Später erzählt er mir von seiner Gemeinde in Amerika, offenbar recht liberale Leute. Es gab dort Tage der offenen Tür, es gab keine Indoktrination. Er wurde anscheinend hierher geschickt, ohne dass er vom wahren Charakter der Schule wusste. Und davon, welche Wege manche, die vor ihm hier gewesen waren, nahmen.

 

Ich frage Salih nach Daniel Schneider, dem deutschen Terroristen. Ob er wisse, dass er an dieser Schule war. Ja, sagt er, ein Lehrer habe es erzählt. "Der Lehrer meinte, man sei nicht verantwortlich für das, was die Schüler in ihrer Freizeit machen." Was er selbst von den Plänen der Gruppe halte? "Weiß auch nicht."

Ich frage Salih nach seiner Meinung zum Dschihad. "Der Islam ist eine sich selbst versorgende Religion. Die Gefolgsleute des Propheten aßen eine Dattel am Tag und lutschten den Rest des Tages den Kern, in den Allah die Nährstoffe gab. Das genügte. Wie können sich die arabischen Staaten so vom Westen abhängig machen? Es kann keinen Frieden geben, solange es diese Abhängigkeit gibt." Ob er denkt, dass Selbstmordattentate erlaubt sind? Selbstmord ist im Islam eigentlich streng verboten. "Ich weiß es nicht genau. Wenn die Umstände es gebieten, wird Allah es verstehen und dich als Märtyrer behandeln." Er empfiehlt mir, darüber mit Umar zu sprechen, von dem mir bereits Hamid erzählt hat. Er besuche in ein paar Tagen einen Scheich, sagt Salih, Umar sei sicher auch da.

Nach dem Essen spazieren wir am Strand entlang. Pärchen sitzen im Schutz der Dunkelheit eng zusammen, kuscheln und halten Händchen. Salih ist entsetzt. All das sei verboten. Ich muss schmunzeln, denn noch vor ein paar Tagen hat er mir, als ich ihn darauf ansprach, erzählt, er habe einmal eine Freundin gehabt, eine Asiatin. Asiatinnen seien so wunderbar gelenkig. Kurz überlege ich, ob ich ihn daran erinnern soll, verwerfe den Gedanken aber wieder, so sehr ereifert er sich.

Ein paar Tage später bittet Salih mich, ihn zu dem Scheich zu begleiten. Er erwartet uns im ersten Stock des Islamic Invitation Center, vor ihm sitzen seine Schüler – soweit ich das einschätzen kann, fast alle Konvertiten aus dem Westen. Ich habe eine Koranvorlesung erwartet, aber dem Scheich scheint es um mich persönlich zu gehen. Zwanzig Minuten lang erläutert er – und blickt dabei ständig zu mir –, warum jeder Nichtmuslim in die Hölle komme. Das kenne ich von Hamid.

Am Ende fragt mich der Scheich, was ich von alldem halte. Nun ist mir klar, was der Zweck dieses Treffen ist: Ich soll konvertieren. Ich fühle mich überrumpelt. Hamid und Salih haben mich in den letzten Tagen immer wieder gedrängt: wann ich endlich so weit sei. Ich habe stets geantwortet, dass ich den Islam noch besser kennenlernen möchte. Ich hatte gehofft, dass ich damit durchkomme.

Ich antworte dem Scheich, was ich auch Hamid geantwortet habe: "Das klingt alles schlüssig." – "Gut, dann sprich mir nach..." Er hebt an, die Schahada, das islamische Glaubensbekenntnis, zu sprechen.

Mein Magen zieht sich zusammen. Ich spüre, wie sämtliche Blicke auf mich gerichtet sind. Von Hamid weiß ich, dass eine Konversion nur gilt, wenn man von ganzem Herzen glaubt. Trotzdem will ich nicht nachsprechen. Aber wenn ich es jetzt nicht tue, wird meine Recherche an dieser Stelle beendet sein. Ich spreche also nach, obwohl ich mich schlecht dabei fühle.

 

Sofort danach stürmen alle auf mich zu und umarmen mich. In ihren Augen bin ich nun Muslim. In meinen bin ich es nicht.

Ich fühle mich übergangen. Ich hatte nie vorgehabt, so weit zu gehen. Salih aber ist überglücklich. Er hüpft aufgedreht um mich herum. Er sei so glücklich für mich, wiederholt er ständig.

Salih führt mich zu einem älteren Mann mit grauem Bart. "Das ist Umar." Auch er beglückwünscht mich. Er schreibt sich meine Nummer auf und verspricht, sich zu melden. Auf der Rückfahrt nach Hause sagt Salih, dass er mir heute noch das rituelle Waschen beibringen will und das richtige Beten. Ich sage, dass ich noch etwas anderes vorhabe. "Von nun an hast du für nichts mehr Zeit außer für Gott."

Am Abend warte ich, bis Salih zu Bett gegangen ist, dann schleiche ich mich raus, nehme ein Taxi und fahre ans andere Ende der Stadt, zu der Bar, die ich noch vom letzten Jahr kenne. Ich brauche ein Bier, besser mehrere. Die erste Zigarette seit Wochen schmeckt hervorragend. Ich rede mit Ali, dem Barkeeper. Er ist vielleicht 70 Jahre alt, ich kenne ihn noch vom Vorjahr. Er kommt von sich aus auf die fundamentalistischen Muslime in Ägypten zu sprechen. "Das sind die Leute, die das Bild dieser Religion zerstören. Was mich am meisten ärgert, ist, dass die Eiferer so laut sind und der Rest der Welt denken muss, sie bilden die Mehrheit. Dabei sind sie nur ein winziger Teil." Ich stimme ihm zu, ohne ihm zu erzählen, was ich in den letzten Wochen erlebt habe. Am Ende sind es fünf Bier, ich lasse mich nach Hause fahren, lutsche Eukalyptusbonbons gegen meine Fahne und schleiche mich in mein Zimmer. Es sind noch drei Stunden bis zum Morgengebet, und ich bin mir sicher, ich werde einen Kater haben.

Von nun an bin ich in der Schule ein geachteter Mann. Silah erzählt überall herum, dass ich konvertiert sei. Die Lehrer lächeln mich fortan jeden Morgen strahlend an.

In den folgenden Tagen suche ich nach den Deutschen. Zu jedem Gebet gehe ich in eine andere Moschee. Nach sechs Tagen höre ich vor der Sharqawi-Moschee deutsche Stimmen. Die Gruppe steht unter dem orangefarbenen Licht der Laternen. Ich spreche sie an. "Ihr seid sicher die Deutschen, ich habe schon viel von euch gehört." Sie haben auch schon von mir gehört über Hamid. Ein Junge stellt sich als Abdul Aziz vor, sein blonder Bart will noch nicht recht sprießen. Sein Gesicht ist blass und noch sehr kindlich. Er trägt eine weiße Galabia und Outdoor-Sandalen, wie sie Deutsche im Ausland mögen, wenn es heiß ist. Wir unterhalten uns über das Wetter, über Ägypten. Dann frage ich, ob sie nicht einen guten Scheich wüssten, der Koranunterricht gibt. "Komm einfach mit, wenn wir das nächste Mal hingehen. Ich rufe dich an, Bruder."

Was Abdul Aziz dann auch macht. Und so gehe ich mit ihnen zu ihrem Scheich, in dessen Wohnung sie im Grunde nichts weiter machen, als den Koran auswendig zu lernen – auf Arabisch, ohne Arabisch zu verstehen. Sie wirken dem Scheich gegenüber so ergeben, dass ich fürchte, sie würden alles tun, was er befiehlt. Nach und nach erfahre ich ein wenig von Abdul Aziz: Er kommt wie die anderen beiden aus der Nähe von Bonn, genauer sagt er es nicht. Er ist 20 Jahre alt und hat gerade erst die Hauptschule abgeschlossen. Muslim ist er seit zehn Monaten, er ist sehr stolz darauf, Teil von etwas Größerem zu sein. Sein Freund Rami verehrt Pierre Vogel, den deutschen Konvertiten, der im Internet davor warnt, dass Deutschland versuche, "uns", also die Muslime, "plattzumachen". Rami weiß nicht viel über die deutsche Politik, aber er glaubt: "Die Merkel hat Angst, weil wir stärker werden."

 

Als ich Abdul Aziz und Rami nach der Sauerland-Gruppe und Daniel Schneider frage, werden sie sehr wortkarg. Sie wollen auch nicht sagen, was sie nach ihrem Aufenthalt in Alexandria vorhaben. Vielleicht wissen sie es selber noch nicht.

Salih, mein Mitbewohner, hat hingegen feste Pläne für seine Zukunft, wie er mir nun gesteht, da er keinerlei Misstrauen mehr gegen mich hegt. "Ich werde nicht mehr in die Staaten zurückkehren." Zum ersten Mal ist er ins Ausland gereist, und nun will er seine Heimat gleich für immer verlassen. Ich bin geschockt, nicke aber nur verständnisvoll. "Ich werde mich in Mekka und in Medina bewerben, um dort den Islam weiter zu studieren." In seinen Worten liegt kein Zweifel. Er schaut mich an, als erwarte er, dass ich mich freue. Ich tue ihm den Gefallen und versuche ein Lachen. In Wahrheit mache ich mir Sorgen um meinen Mitbewohner Salih, der mir im Grunde seines Herzens ein guter Junge zu sein scheint, ein wenig einfältig vielleicht, aber höflich, wo immer er auftritt. Jetzt geht er nach Mekka. Was wird dort aus ihm werden? Saudi-Arabien ist jedenfalls nicht bekannt dafür, den Islam besonders liberal auszulegen.

Salih ist am Scheideweg. Diejenigen, die ihn jetzt mit offenen Armen empfangen, haben nichts Gutes mit ihm vor, da bin ich mir inzwischen sicher. Wenn sich Salih ereifert über "die Juden", dann klingt es immer noch, als ahme er nur jemanden nach. Aber bald wird er all das vielleicht wirklich glauben. Und vielleicht wird er dann nicht mehr zögern, wenn er gefragt wird, ob Selbstmordattentate legitim sind.

An einem der nächsten Abende treffe ich endlich Umar wieder, den Alten, den mir Salih und Hamid empfohlen haben. Seine Lebensgeschichte klingt fast zu unglaublich, um wahr zu sein: Er erzählt mir, er sei IT-Spezialist gewesen und nach dem 11. September 2001 natürlich voller Hass auf die Araber. Er habe eine Islam-Konferenz in Washington besucht, um zu erfahren, "wer diese Verrückten sind". Aber statt das herauszufinden, habe er diese Religion für sich entdeckt. Er konvertierte, kündigte den Job, vor zwei Jahren verließ er sein Land, weil er es nicht mehr ausgehalten habe, unter Ungläubigen zu leben.

Später sagt Umar zu mir: "Afghanistan, Pakistan oder Jemen, das sind die Länder, Bruder, in die wir gehen müssen. Man muss Eier haben, um dort zu kämpfen." Er kenne einen Gelehrten aus Mauretanien, der in Afghanistan für al-Qaida kämpfe, der habe tolle Ansichten. Seinen Namen will er mir nicht nennen. Er schaut sich immer wieder um. Man müsse sehr vorsichtig sein, mit wem man über dieses Thema rede.

An einem der nächsten Abende fragt mich Salih, ob ich in den Schulferien, die Mitte November beginnen, schon etwas vorhabe. Erwartungsfroh schaut er mich an. Nein, antworte ich. "Wenn du Lust hast, können wir zusammen nach Pakistan fliegen", sagt er und achtet genau auf meine Reaktion. Gerne, antwortete ich, wohl wissend, dass ich zu diesem Zeitpunkt wieder in Deutschland sein werde. "Ich habe dort noch Familie, und die kennt ein paar sehr weise Scheichs, von denen auch du viel lernen kannst." Eindeutiger wird er nicht. Ich täusche Freude vor, und er lächelt zufrieden.

Am nächsten Tag bietet mir Mahmud, ein Freund von Salih, an, mit mir eine Galabia zu kaufen. Ich solle mich endlich richtig kleiden. Wir fahren im Auto in Richtung Altstadt, parken an der Corniche, in beängstigender Nähe zu meiner alten Stammbar. Ich gehe neben Mahmud, als wir geradewegs auf die Bar zusteuern. Ich werde nervös. Was, wenn mich der Wirt sieht? Bilde ich mir nur ein, dass Mahmud auf meine Reaktion achtet? Ist das hier ein Test? Ist mir vor zwei Wochen doch jemand hierher gefolgt, oder hat mich jemand zufällig aus dem Haus gehen sehen?

Wir gehen an der Bar vorbei, der Wirt ist nicht da. Wir kaufen zwei Galabias für mich. Als ich im Auto sitze, zittern mir die Knie. Es wird Zeit, dass ich von hier verschwinde.

Am nächsten Tag sage ich, mein Großvater sei krank geworden und ich müsse eilig nach Deutschland zurück. Salih zweifelt nicht an meiner Lüge. Er wünscht dem Großvater gute Besserung, Allah werde ihm beistehen. "Bis bald." Er verabschiedet mich mit einem Handschlag.

*alle Namen geändert