Sarajevo (I)

Ein ungewöhnlich milder Novembertag, man möchte lieber draußen auf der Ferhadija im Café sitzen, als den Leuten im bosnischen Außenministerium Deutschland erklären. "Hat sie das wirklich gesagt?" – "Wie konnte sie nur?" – "Das Ende der multikulturellen Gesellschaft? Weiß sie, was das hier bedeutet?" – "Liebe Güte, was ist denn los bei euch?"

Es ist eine Weile her, aber, ja, Angela Merkel hat wirklich das Scheitern der multikulturellen Gesellschaft verkündet. Und, nein, wahrscheinlich hat die Kanzlerin nicht überlegt, welche Schockwellen ihre Worte in Sarajevo auslösen würden. "Multikulturell, multiethnisch! Das predigt Europa uns doch ständig!" Im bosnischen Außenministerium, auch in den Medien kennen sie Thilo Sarrazin und die deutsche Gefühlslage bezüglich Kopftüchern und Leitkultur. Und man fürchtet, dass Sarrazins Thesen und Merkels Worte für Bosniens Weg nach Europa nichts Gutes bedeuten. Bosnien sei in einer Krise, sagen sie im Ministerium, es brauche jetzt keine Islamdebatten, sondern ein "starkes Deutschland und eine Angela Merkel, die ihre Aufmerksamkeit auf uns hier richtet".

Die deutsche Öffentlichkeit würde gehörig erschrecken, würde sie darauf aufmerksam gemacht, dass die EU den westlichen Balkanstaaten vor nur sieben Jahren aus vollem Herzen eine Beitrittsperspektive versprochen hat. Was, die jetzt auch noch?

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Bosnien ist der fragilste Kandidat, am schlimmsten durch den Krieg geschädigt, am meisten durch einen Friedensvertrag geprägt, dessen Unterzeichnung sich nun zum 15. Mal jährt und dessen Inhalt dem Land längst zu einer Fessel geworden ist. Das Dayton-Abkommen hat tatsächlich Frieden geschaffen und für diesen Frieden den ethnischen Proporz zementiert. Herausgekommen sind nun: ein kaum handlungsfähiger Gesamtstaat; zwei Teilrepubliken (eine serbische, eine kroatisch-bosnische Föderation mit zehn Kantonen) sowie drei ethnopolitische Eliten – serbisch, kroatisch und muslimisch.

Die derzeitige Führung der Republika Srpska (RS) droht immer wieder mit der Sezession, einige kroatische Politiker der Föderation wiederum liebäugeln mit einer eigenen Teilrepublik. Blieben die Kantone zu erwähnen, die sich oft gebärden wie Kleinstaaten. Außerdem der Bezirk Brčko mit Sonderstatus. Und die Heerschar internationaler Institutionen, die aufpassen, beraten, aufbauen sollen. Das Ganze auf einer Fläche, die etwa so groß ist wie Niedersachsen, aber nur halb so viele Einwohner hat, vier Millionen. In diesem Labyrinth verirren sich inzwischen auch versierte Fachleute, und ihre Bilanz nach 15 Jahren Frieden, Staatsaufbau und EU-Annäherung fällt dementsprechend unterschiedlich aus: Manche halten Europas Bosnien-Experiment in Sachen Staatsaufbau für gescheitert, andere warnen gar vor neuer Gewalt. Wieder andere finden, dass das Land besser ist als sein Ruf als ewiges Kriegs-und Krisenland.

Vitez

Der Krieg spielt an diesem Nachmittag im Rathaus von Vitez keine Rolle – jedenfalls nicht der in Bosnien. Vlado Alilović, kroatischer Bürgermeister, und Muharem Grebus, muslimischer Gemeinderatsvorsitzender, beraten über Gewerbeflächen und kommunalen Wasserbedarf. Alilović und Grebus sind seit sechs Jahren im Amt, der Bürgermeister gehört der HDZ, der Kroatischen Demokratischen Union, an. Grebus ist Mitglied der SDA, der bosnjakisch dominierten Partei für Demokratische Aktion. Kroaten und Muslime führten erst gemeinsam gegen die Serben Krieg, dann, ebenso erbittert, gegeneinander. In Sarajevo gelten HDZ und SDA heute eher als Garanten für ethnische Blockaden und politischen Stillstand als für Reform und EU-Integration. In Vitez aber haben sie ein kleines Wirtschaftswunder geschaffen, als gäbe es eine idiotensichere Anleitung für den Wiederaufbau nach Krieg und Vertreibung