DIE ZEIT: Die deutschen Schulen sind seit dem "Pisa-Schock" vor knapp zehn Jahren besser und gerechter geworden. Diese frohe Botschaft verbreiten Sie mit der neuen Pisa-Studie. Dagegen stöhnen viele Lehrer und Eltern über Reformpfusch und sinkende Leistungen. Die Berichterstattung wird bestimmt von Klagen über angeblich bildungsresistente Einwandererkinder. Ist die Lage besser als die Stimmung?

Eckhard Klieme: Eindeutig ja. Wir haben im deutschen Schulsystem natürlich noch viele Probleme. Aber im Vergleich zum Jahr 2000 haben wir uns in fast allen Aspekten verbessert.

Manfred Prenzel: Sogar stärker, als wir damals vermutet haben. Es ist leider typisch deutsch, beim Blick auf die Schulen immer nur die Probleme zu sehen. Wir können aber jetzt die positive Rückmeldung geben, dass sich die Anstrengung der Lehrer, der Politik, der ganzen Gesellschaft gelohnt hat. Viele Probleme wurden in den letzten Jahren zurückgedrängt. Und das mit überschaubaren Maßnahmen, ohne revolutionäre Umbrüche.

ZEIT: War bei Pisa 2000 die Stimmung besser als die Lage, und hat sich das jetzt umgekehrt?

Klieme: So ist es. Das zeigen übrigens nicht nur die Pisa-Ergebnisse, sondern auch andere Untersuchungen wie etwa die Shell-Jugendstudie. Heute haben wir eine positivere Einstellung zu Bildung und Leistung.

Prenzel: Wer hätte etwa gedacht, dass die Lesefreude bei Jugendlichen wieder zunimmt? Dass sie mehr im Internet lesen, aber auch mehr Bücher? Oder dass ihr Leistungswille steigt? Für Miesepeterei ist überhaupt kein Anlass.

ZEIT: Ist die Leistungssteigerung der deutschen Schüler wirklich bedeutsam?

Klieme: Das ist sie. Unsere 15-Jährigen schneiden in allen Disziplinen besser ab als bei Pisa 2000. Damals lag Deutschland in der Lesekompetenz, der Mathematik und in den Naturwissenschaften unter dem Durchschnitt der OECD-Länder. Jetzt liegen wir bei der Mathematik und den Naturwissenschaften über dem Durchschnitt. Auch beim Lesen konnten wir uns signifikant verbessern und liegen jetzt im OECD-Durchschnitt.

ZEIT: Die Leistungsteigerungen liegen zwischen 14 Pisa-Punkten beim Lesen und 37 Pisa-Punkten bei den Naturwissenschaften. Was heißt das?

Klieme: Grob geschätzt entsprechen 30 bis 40 Punkte dem Leistungszuwachs eines Schülers in einem Schuljahr. Der Kompetenzzuwachs der deutschen 15-Jährigen entspricht also bis zu einem Schuljahr. Das ist beachtlich. 

ZEIT: Wie steht es um die Bildungsgerechtigkeit? Es hat sich eingeprägt, dass Deutschland bei Pisa 2000 Weltmeister der Ungerechtigkeit war.

Klieme: Das ist glücklicherweise vorbei. Zwar sind auch in Deutschland die Leistungen noch immer viel zu stark an die soziale Herkunft der Schüler gekoppelt. Aber im internationalen Vergleich liegt Deutschland nun im Mittelfeld.