Eine ausgediente Stadtzürcher Turnhalle, wo nachts die Bässe wummern. Türsteher in Punkerkluft, ein Publikum Midlife plus. 200 Personen. Bärte und Pullover dominieren. Die Alternative Liste Zürich lädt zum Hearing. Nicht gerade die Ambiance, die Schweizer Banker das Fürchten lehrt. Aber auf dem Podium sitzt ein Mann, der genau dies im Sinn hat. Rudolf Elmer, Mitte 50, unauffällig, offenes Hemd, Brille. Seine Haltung und die bedächtige Sprechweise bringt man mühelos mit seinem ursprünglichen Beruf in Einklang: Da ist der leibhaftige Buchhalter. Auch den Ex-Offizier der Schweizer Armee nimmt man ihm leicht ab. Kein Abenteurer jedenfalls, kein Abzocker. Im Zürcher Industriequartier aufgewachsen, kam er von weit unten und wuchs in die Finanzwelt hinein wie ein aufstrebender Efeutrieb in eine Mauernische. Zäh, unauffällig, stetig wachsend. Niemand traut Efeusprösslingen zu, Mauersteine zu sprengen. Aber das Gewächs ist dazu in der Lage. Irgendwann.

Kollegen und Vorgesetzte haben Elmer nie zugetraut, was er tat: Der fleißige Revisor wurde zum ersten "Whistleblower" aus dem Innersten einer Schweizer Bank. Er verpfiff die Privatbank Julius Bär. Seitdem geht es ihm ein wenig wie Julian Assange, dem WikiLeaks-Gründer: Beide haben Zweifler und Hasser gegen, aber auch Sympathisanten für sich. Wenn’s hart auf hart geht, wirkt die Unterstützung jedoch schwach oder zumindest schwach organisiert.

Rudolf Elmer hatte im Dezember 2007 interne Dokumente der Bank Bär auf WikiLeaks gestellt: Es wurde der erste größere Auftritt der Plattform, denn zum ersten Mal wurde eine WikiLeaks-Enthüllung zum Stoff für einen international beachteten Prozess. Mit WikiLeaks kommunizierte Elmer über eine Verschlüsselungssoftware. Von der Redaktion erhielt der Schweizer genaue Instruktionen. Assange lernte er nicht persönlich kennen, wohl aber Mitarbeiter der Plattform. Manche Elmer-Papiere wurden von WikiLeaks-Juristen ins Englische übersetzt, um den gerichtsverwertbaren Wortlaut zu garantieren. Julius Bär intervenierte sofort und erreichte, dass ein Gericht in San Francisco WikiLeaks abschalten ließ – aber nur für wenige Tage. Am 29. Februar 2008 ordnete dasselbe Gericht die Aufschaltung von WikiLeaks wieder an, wenig später ließ Julius Bär das Verfahren fallen: ein Durchbruch. Ohne dass es jemand ahnte, lief mit Elmers Fall ein erster juristischer Test von WikiLeaks. Teile des Materials sind heute auch über die US-Plattformen Matchafa und The Komisar Scoop einsehbar.

Er wurde als psychisch krank dargestellt – und damit wirksam entsorgt

Aber anders als Julian Assange ist Rudolf Elmer kein Medienstar. Er sucht weder das Versteckspiel noch den Nervenkitzel. Sein Abtauchen auf Mauritius war eine kurze Episode, als ihm alles zu viel wurde. Ein Team der Rundschau des Schweizer Fernsehens erwischte ihn dort im April 2008 in einer psychisch labilen Phase, konfus wirkend und fahrig argumentierend. Über den tatsächlichen Hintergrund erfuhren die Zuschauer nur Fragmentarisches. Die Sonntagszeitung schrieb: "Kenner des Falls sehen in dem mutmaßlichen Täter einen an Verfolgungswahn leidenden psychisch Kranken." Die "Kenner des Falls" sitzen, selbstredend, bei der Bank Bär, für die Elmer bis 2002 als Innenrevisor und als Spezialist für Offshore-Aktivitäten aller Art tätig war. Mit dem Psycho-Verdikt war sein Fall für die meisten Schweizer Medien wirksam entsorgt.

Doch an diesem Abend hinterlässt Rudolf Elmer in der Zürcher Kanzleiturnhalle einen völlig anderen Eindruck, den eines rational argumentierenden Insiders, der nach 33 Jahren mit seinem Bankerleben brach, aus welchen Motiven auch immer. Seine Mission hat er gefunden: Er will mit konkreten Fällen belegen, dass die Schwarzgeldindustrie eine Billionenindustrie ist, ein hochprofessionell und global vernetztes System, eine Kette von Banken, Treuhändern, Anwaltskanzleien, Lobbyisten und secrecy jurisdictions – Staaten, die Schlupflöcher fürs Schwarzgeld bieten. Und dass die Schweiz nach wie vor als deren zentrale Drehscheibe funktioniert. Ihn interessierten nicht die Einzelfälle, sagt Elmer, die brauche er nur als Beleg. Das weltumspannende System, das dahintersteht, darauf komme es an. It’s the system, stupid!

Elmers Taktik bleibt zwar in vielem undurchsichtig, manches ist zwiespältig. Zum Beispiel, wie er an das Back-up aus dem Computer der Cayman-Niederlassung kam, für die er während acht Jahren als Abgesandter der Bär-Konzernleitung arbeitete. Er hatte den Auftrag, die aus dem Ruder laufenden Offshore-Geschäfte unter Kontrolle zu bringen. Dabei stieß er auf die Zusammenhänge, die er heute anprangert. Aber auch manche Reaktionen von Julius Bär sind fragwürdig, etwa der Einsatz eines Lügendetektors, ein Kuriosum in der Finanzbranche.

Julius Bär war ein Pionier im Geschäft auf den Cayman Islands, die erste Niederlassung wurde 1973 eröffnet. Heute sind auf der winzigen Inselgruppe über 500 Banken registriert. Im Kern geht es darum, dass Vermögenswerte, die angeblich auf Grand Cayman liegen, tatsächlich in London, Frankfurt oder Zürich verwaltet werden. Die Gewinne werden durch die zwischengeschobene Karibik-Connection der heimischen Steuer entzogen. Allein durch seine Tätigkeit seien dem Schweizer Fiskus 80 bis 100 Millionen Franken entgangen, schätzt Elmer. Der Nachweis, wie diese Stränge laufen, lässt sich fast nur von Innen führen. Steuerkommissäre und Staatsanwälte bleiben vor der Tür – und Dienstreisen in die Karibik liegen nun mal nicht drin.