Nun ist es raus. Die Deutsche Bahn arbeitet laut Aussagen eines Sprechers an einem "umfassenden Social-Media-Angebot", das 2011 starten soll. Alle weiteren Details sind noch höchst geheim. Und so könnte man diese Pläne ignorieren, bis sie mit bahnüblicher Verspätung (also ungefähr 2012 oder 2013) umgesetzt werden – hätte die Bahn nicht unlängst mit einer Aktion bei Facebook einen Vorgeschmack auf das Kommende geliefert. Wer sich hier als "Fan" der Deutsche-Bahn-Seite bekannte, konnte zum Preis von 25 Euro das "Chefticket" kaufen: gültig für eine Fahrt quer durch Deutschland, 2. Klasse, Zugbindung. So weit, so günstig.

Viel interessanter als das Sonderangebot ist jedoch der Spot , mit dem es beworben wurde, verrät er doch einiges über das Bild, das sich die Deutsche Bahn von ihren Kunden macht. Bisher kommen die DB-Kampagnen ja eher mehrheitsfähig-lustig daher: Ein schüchterner Mann will in der unvermeidlichen Schlange vor dem DB-Schalter eine ebenso schüchterne Frau ansprechen, aber ein vorwitziger kleiner Junge kommt ihm dazwischen und macht alles kaputt. Okay.

Im Internetvideo zur "Chefticket"-Kampagne aber sieht die Welt ganz anders aus. Kaum ist der Boss auf Dienstreise, lassen die Angestellten im Großraumbüro die Sau raus. Hähne kämpfen im Licht greller Schreibtischlampen, angefeuert von Frauen mit harten Gesichtern. Männlein und Weiblein lassen die Hosen runter, rekeln sich halb nackt in Strapsen auf Drehstühlen und im Aquarium. Der Bürostreber wird unterdessen mit Paketband an der nächsten Säule fixiert. Kurz: die perverse Republik, ein Sündenpfuhl – bis die Bahn dem Chaos ein Ende macht. Denn dank "Chefticket" kehrt der Boss früher zurück als erwartet.

Die Wirkung der Kampagne, mit der die Bahn neue Vertriebskanäle und vermutlich auch eine neue Zielgruppe testen wollte, war zwiespältig. Zwar bescherte die Aktion dem Unternehmen bei Facebook um die 54000 "Fans", aber denen ging es wohl primär ums Geld: 25 Euro, ein echtes Schnäppchen!

Die Mitarbeiter veranstalten im Spot Hahnenkämpfe

Dafür erregten sich die Kritiker zuhauf. An vorderster Front die Tierschützer, die sich über den angedeuteten Hahnenkampf empörten, gefolgt von Stuttgart-21-Kritikern, die bei Facebook ein neues Forum fanden. Ein PR-GAU, jaulten Social-Media-Experten – beim Ausflug ins Soziale Netzwerk habe sich das Unternehmen nur selbst geschadet. Und zu lange sei bei der Bahn offenbar niemand in der Lage gewesen, auf die Fragen der angefixten "Chefticket"-Interessenten zu antworten.

Unsinn. Tatsächlich ist die Bahn bei ihrem Ausflug in die virtuelle Welt nur ihren ehernen Grundsätzen treu geblieben. Denn im wirklichen Leben sorgt nicht die Welt, sondern die Bahn selbst für das Chaos. Und Kunden wissen diesen Dienst durchaus zu schätzen. Das kathartische Schimpfen und Klagen über die Bahn gehört für erfahrene Bahnfahrer längst zum Alltag. Dass das Unternehmen auch auf weit weniger komplizierte Fragen als die mit einem Ticketkauf verbundenen häufig die Antwort schuldig bleibt, weiß jeder, der schon sommers in kochenden Zügen brutzelte oder sich winters vor eisigen Servicepoints beinahe den Hustentod holte. Und Dampf abzulassen über diese DB, diese "Dumpf-Backen", die zwar Züge haben, aber keine Ahnung, wie man sie durch den Winter bringt – das tut einfach gut. Manche nette Bekanntschaft entsteht unter Leidensgenossen, vereint durch bahnverschuldete Härtefälle.

So trägt der Ärger schließlich sogar zur Kundenbindung bei: Neugierig steigt man wieder ein, wenn im Wetterbericht von starkem Schneefall mit Verwehungen die Rede war, und wartet gespannt auf die nächste Panne.