Es ist gut möglich, dass eine Handvoll Kommunalpolitiker, darunter der Landrat Kurt Widmaier aus Ravensburg, gerade ein Stückchen europäischer Energiegeschichte mitgeschrieben haben. Jedenfalls haben Widmaier und Co, vereint im Zweckverband Oberschwäbische Elektrizitätswerke (OEW), Europas größtem Stromversorger, gezeigt, wozu Schwaben fähig sind: einen Goliath zu vertreiben. Einen Goliath in Form des französischen Staatskonzerns EDF, geführt von Henri Proglio, einem Vertrauten des französischen Staatspräsidenten Nicolas Sarkozy.

Wie die OEW ist EDF bisher mit 45,01 Prozent an dem Karlsruher Stromkonzern EnBW, in Deutschland die Nummer drei seiner Branche, beteiligt . Seit Langem ist das Verhältnis zwischen den beiden Großaktionären allerdings getrübt, die EDF hätte in dem Karlsruher Unternehmen gern allein das Sagen gehabt. Um das zu ermöglichen hätte die OEW allerdings Aktien verkaufen müssen, wozu die Schwaben partout nicht bereit waren. Sie wollten, dass EnBW "ein baden-württembergisches, kommunal geprägtes Unternehmen bleibt", sagt Widmaier (CDU).

Baden-württembergisch wird es nun mehr denn je, zumindest vorübergehend. Die Stuttgarter Landesregierung übernimmt für fast fünf Milliarden Euro die Beteiligung der EDF – und will das verstaatlichte Unternehmen dann mittelfristig als vierten baden-württembergischen Dax-Konzern an die Börse bringen , neben Daimler, SAP und HeidelbergCement.

Nach Stuttgart 21 ist das Vorhaben das neueste Prestigeprojekt von Ministerpräsident Stefan Mappus (CDU). Eins, das wie der Bahnhofsumbau indes Zündstoff birgt. Nach der Landtagswahl Ende März nächsten Jahres mischen womöglich die Grünen in der Landesregierung mit. Und die wollen die EnBW-Anteile nicht an die Börse bringen, sondern an Partner, die "eine neue strategische Aufstellung des Unternehmens unterstützen" – sprich: die beispielsweise dabei helfen, die alten Atommeiler Philippsburg 1 und Neckarwestheim 1 schneller als gesetzlich verlangt stillzulegen.

Branchenkenner gehen davon aus, dass nicht nur der EnBW-Aufsichtsrat neu besetzt wird, sondern auch im Vorstand des Unternehmens Köpfe rollen. Mit Sicherheit wird Christian Buchel weichen müssen, der auf EDF-Ticket dort sitzt. Über das berufliche Schicksal des Vorstandsvorsitzenden Hans-Peter Villis wird derweil spekuliert. Sein Verhältnis zu Mappus gilt als "nicht besonders eng", heißt es.

EnBW war erst im Jahr 1997 durch die Fusion der beiden baden-württembergischen Unternehmen Badenwerk und Energie-Versorgung Schwaben entstanden. Es war die Zeit, in der der Staat sich aus der Strombranche zurückzog, und es entsprach dem damals vorherrschenden Denken, dass sich das Land von seinen EnBW-Anteilen trennte. EDF erwarb das Aktienpaket von 25,1 Prozent und erhöhte seinen Anteil schrittweise auf 45,01 Prozent und damit auf einen gleich hohen Anteil wie die OEW. Ein Konsortialvertrag übertrug die unternehmerische Führung zwar der EDF; er regelte aber auch, dass keiner der beiden mehr Anteile als der andere besitzen durfte. Das sollte nach Auffassung der OEW so bleiben, auch nach 2011, dem Ende des derzeit gültigen Konsortialvertrages. In den bereits laufenden Verhandlungen über eine Anschlussregelung ließen die Schwaben über diesen Punkt nicht mit sich reden.