Jürgen Großmann war gewarnt, als er 2007 seinen Dienst als Vorstandschef bei der ehemaligen Rheinisch-Westfälischen Elektrizitätswerk AG antrat. Leicht würde es nicht werden. Die Europäische Kommission bedrängte die Energiekonzerne und deren Macht über Verkaufsgebiete, Leitungen und Preise. Nachhaltigkeit und Umweltschutz, Windkraft und Sonnenenergie kamen in Mode. RWE musste sich wappnen.

"Es erfüllt mich mit Stolz, gerade diesen Konzern in die Zukunft zu führen", sagte der gebürtige Mülheimer, und als Großmann die RWE-Zentrale in Essen bezog, strotzte er vor Zuversicht. "Wetterfest" sei der Konzern, sagte er während der Wirtschaftskrise, das Geschäft mit Strom und Gas sehr sicher.

Heute klingt der Herr über 71.000 Mitarbeiter weniger vollmundig. "Es kommen schwierige Zeiten auf uns zu", sagte Großmann, als er kürzlich die Neunmonatszahlen vorlegte. Dabei steht für das Gesamtjahr ein Höchstgewinn in Aussicht: RWE rechnet beim betrieblichen Ergebnis mit einem Plus von fünf Prozent, mit dann 7,4 Milliarden Euro – das wäre Rekord in der 112-jährigen Konzerngeschichte. Trotzdem glaubt Großmann nun, RWE müsse erst noch "wetterfest" gemacht werden.

"Die Zeiten, in denen RWE ein Hort der Stabilität und Sicherheit war, sind vorbei", sagt Peter Wirtz, Energieexperte der WestLB. Mag es kurzfristig auch gut aussehen: Die Zukunft der Energieversorgung ist unsicher, und damit auch die der Versorger. Überall im Land protestieren die Bürger, gegen Luftverschmutzung, Kernenergie und Kohlekraft. Aber auch gegen Pumpspeicherwerke, unterirdische CO₂-Lager und neue Trassen, die ökologisch korrekte Windenergie vom Meer über das Land verteilen sollen. Wohinein also investieren? In Netze? Oder Kraftwerke? Konventionell? Oder regenerativ? "In jeder Richtung gibt es große Fragezeichen", sagt Wirtz.

Dann ist da noch die Brennelementesteuer. Unterschreibt der Bundespräsident das entsprechende Gesetz, und das geschieht wohl noch vor Weihnachten, müssen die Atomkraftwerkbetreiber von 2011 bis 2016 zahlen. RWE werde das jährlich bis zu 700 Millionen Euro des betrieblichen Ergebnisses kosten, rechnet der Finanzvorstand Rolf Pohlig vor. Das wäre fast ein Zehntel und sei "trotz aller Anstrengungen nicht vollständig zu kompensieren". Seit drei Jahren läuft bereits ein Sparprogramm, von Januar an wird die Organisation erneut gestrafft.

"Niemand hat erwartet, dass unser Geschäft so stark abgeschöpft wird", sagt Kommunikationschef Volker Heck. Ausgerechnet die Kernkraft wird jetzt zur Last, die CO₂-freie "Brücke" in die grüne Zukunft, wie RWE-Manager diese Ressource gerne nennen.

Dabei hat sich Großmann doch so sehr für die Laufzeitverlängerung der Meiler eingesetzt. In 30 Jahren Berufstätigkeit habe er "noch nie unter solch einem Stress gestanden", sagte er Ende Oktober. Dafür kann RWE an der Laufzeitverlängerung immerhin auch Milliarden verdienen. Erste Zusatzgewinne fließen schon 2014, schätzen manche Analysten. Der erklärte Steuergegner Großmann sieht das natürlich anders. Frühestens 2020 überstiegen zusätzliche Atomerlöse die Kosten, rechnet sein Haus. Die Steuer bliebe allerdings auch, wenn der Ausstieg vom Ausstieg noch juristisch kippt oder eine künftige Regierung ihn stoppt. "Die zahlen wir sechs Jahre lang durch", jammert ein RWE-Manager, "oder länger, wenn das einer künftigen Regierung gefällt."

Für Großmann ist Kernkraft kein Thema, mit dem er zu Amtszeiten noch glänzen kann. Länger als bis 2012 will er ohnehin nicht am Ruder bleiben. Bis dahin managt er gegen immer neue Probleme an. RWE produziert Strom, fördert Öl und Gas, betreibt Netze, handelt mit Energie, beliefert Haushalte und Unternehmen. Die Marktpreise für Energie sind niedrig und die Nutzungsentgelte für die Netze gedeckelt, damit Wettbewerber eine Chance haben.