Einen deutschen Sitz im UN-Sicherheitsrat erobert, die Serben zurück auf den europäischen Tugendpfad geführt, ein symbolträchtiger Auftritt in schusssicherer Weste im Irak – Guido Westerwelle sah sich gerade auf dem Weg, ein bisschen mehr Genscher zu werden, Außenminister statt Volkstribun, und nun heißt die Referenzgröße wieder: Kinkel, Klaus, Unglückswurm unter den FDP-Vorsitzenden, der das Außenamt noch ein paar Jahre bekleiden durfte, nachdem er nach einer Niederlagenrekordserie als Parteichef zurückgetreten war.

Es ist wie beim Monopoly: Immer wenn die FDP glaubt, jetzt sei die Pechsträhne vorbei, landet sie auf dem Feld mit der Aufschrift: Gehe in das Gefängnis, begib dich direkt dorthin! Es ist das Gefängnis von Westerwelles Image. Den jüngsten Arrest hat der Partei und ihrem Vorsitzenden ein Mann eingebrockt, der bis vor Kurzem Westerwelles Büroleiter in der FDP-Zentrale war: Helmut Metzner, seit der WikiLeaks-Veröffentlichung "der FDP-Maulwurf" genannt, hatte die USA mit Informationen über Koalitionsverhandlungen und strategische Planungen der FDP versorgt.

Doch Mitgefühl und Solidaritätsbekundungen für den düpierten Chef halten sich in Grenzen, stattdessen hagelt es Kritik aus der eigenen Partei. Westerwelle habe Metzner zu spät entlassen, finden die einen, er hätte ihn gar nicht entlassen dürfen, die anderen. Dritte argwöhnen, Westerwelle habe Metzner selbst zu den Amerikanern geschickt, um dort den Eindruck zu vermitteln, man habe entgegen anderslautenden Gerüchten durchaus so etwas wie eine außenpolitische Strategie. Denn nur die Äußerungen, die sich auf Koalitionsverhandlungen und Westerwelles Vorbereitung auf das Außenamt bezogen, stammten von Metzner, nicht aber die abschätzigen. Einig sind sich in der FDP jedenfalls alle darin, dass die Sache mal wieder dumm gelaufen ist. Das alte hässliche Image vom aggressiven, unbelehrbaren, dabei aber wenig sachkundigen Mann mit der etwas zu großen Bugwelle ist wieder da, quasi halbamtlich bestätigt als Einschätzung der USA. "Man könnte ja auch über so spannende liberale Fragen sprechen, wie viel Transparenz die Demokratie verträgt", sagt ein junger liberaler Abgeordneter resigniert, "stattdessen reden alle nur über den FDP-Maulwurf."

Für Westerwelle selbst sei das Ganze "schon ein Schock" gewesen, heißt es in der FDP. Wie ausgewechselt sei der Parteichef nach dem Sommerurlaub gewesen, kämpferischer, weniger dünnhäutig, entschlossen, sich in sein Ministerium zu stürzen. Seine persönlichen Umfragewerte, lange im Sturzflug, hatten sich stabilisiert. Mit der Dagegen-Republik glaubte Westerwelle ein Thema gefunden zu haben, um die eigenen Anhänger wieder zu mobilisieren. Dass nun ein eher kleiner Anlass ausgereicht hat, um eine neue Welle der parteiinternen Kritik loszutreten, hat Westerwelle verunsichert und deutlich gemacht, wie schwach sein Rückhalt ist.

Die Partei ist derweil von einem Phänomen ergriffen, das unter Helmut Kohl das Sofa-Syndrom hieß: Alle sitzen da und warten ab. Alle nölen herum. Aber keiner tut etwas. 2010 ist abgehakt. Das liberale Jahr beginne mit Dreikönig, pflegte Genscher zu sagen. Also hoffen nun alle auf den 6. Januar – und auf den Vorturner Westerwelle, unter dessen Dominanz sie so leiden und ohne den sie sich ein liberales Leben auch wieder nicht so recht vorstellen können. Was könnte eine frohe liberale Botschaft sein? Eine kämpferische Denen-zeigen-wir’s-Rede, bei der Westerwelle ankündigt, dass er beim Parteitag im Mai wieder als Vorsitzender antritt? Das könnte ihn am Ende beide Ämter kosten, wenn er zum Rücktritt gedrängt würde. Dass er nicht wieder als Vorsitzender antritt? Dann würde sofort eine Nachfolgedebatte losbrechen und ein Vakuum entstehen. Das wäre kein guter Auftakt für ein Jahr, in dem in Hamburg, Sachsen-Anhalt, Baden-Württemberg und Rheinland-Pfalz gewählt wird, ein Jahr also, in dem viel auf dem Spiel steht. 2011 wird in jedem Fall ein besonderes liberales Jahr werden. Es wird darüber entscheiden, ob Westerwelle mehr Genscher oder mehr Kinkel wird. Und ob ein paar Leute vom Sofa aufstehen müssen.