Christoph Menke: Die ökologische Revolution

Das Eintreten der Klimakatastrophe scheint eine Vorhersage von hoher empirischer Wahrscheinlichkeit. Was bedeutet es, aus ihr den "ökologischen Imperativ" abzuleiten, dass wir unser Leben ändern müssen? Diese Ableitung ist politisch ein höchst zweideutiges Argument: Der ökologische Imperativ kann als ein weiteres Bestreiten oder als eine emphatische Bestätigung von Politik gelesen werden.

In der einen Lesart proklamiert der ökologische Imperativ ein Müssen, dessen antipolitische Notwendigkeit wir nur allzu gut kennen. Es gehorcht der Logik, die seit dem Ende der Blockkonfrontation regiert, die zuerst als Wiederbeginn der Politik begrüßt wurde, nur um sich als jener ihres Gegenteils, der Herrschaft des Schicksals, zu erweisen: des Schicksals ökonomischer Standortbedingungen, kultureller Identitäten oder genetischer Dispositionen. Die Idee, aus empirisch wahrscheinlichen Prognosen folgten zwingend ökologische Imperative, denen wir uns zu beugen hätten, betreibt eben die Naturalisierung der Politik, die nach marxistischer Einsicht das Wesen der Ideologie ausmacht. Nicht anders als Ökonomismus, Kulturalismus und Biologismus bedeutet Ökologismus eine Abschaffung der Politik durchs Schicksal.

Aber man kann den ökologischen Imperativ, dass wir unser Leben ändern müssen, auch in entgegengesetzter Weise verstehen: als Erinnerung daran, dass es selbst in dieser Frage – in der Frage des Überlebens – nur auf uns ankommt; darauf, wie wir leben wollen. Nach dieser zweiten Lesart erklärt der ökologische Imperativ die Frage des Überlebens zu einer politischen Frage und nicht zu einer moralischen: Der "ökologische Imperativ" adressiert uns nicht als Einzelne (die dann die Heizung ein paar Grad runterstellen oder einmal weniger nach New York fliegen), sondern als Kollektive. In der zweiten Lesart bringt der ökologische Imperativ ein geradezu tollkühnes Vertrauen in die Politik zum Ausdruck. Er traut der Politik zu, was dem Liberalismus immer nur als autoritäres Programm erscheinen muss: Er glaubt an die Möglichkeit, durch politisches Handeln unsere grundlegenden kulturellen und ethischen Orientierungen zu verändern – er glaubt an die Möglichkeit einer Kulturrevolution.

Der politisch gelesene ökologische Imperativ zielt auf eine Änderung, die nicht nur ein Mehr oder Weniger von diesem oder jenem betrifft, sondern die Form unseres Wollens. Diese Form ist heute durch "Interessen" definiert, zu deren Befriedigung es für den Einzelnen rational ist, immer mehr Ressourcen zur Verfügung haben zu wollen. Das ist die Form, die das Wollen in einer Ökonomie annehmen muss, die auf Kapitalverwertung angelegt ist. Hier ist es ökonomisch rational, ökologisch unvernünftig zu sein. Also muss der ökologische Imperativ der Veränderung der Form unseres Wollens und Lebens zu einem Imperativ der Veränderung der Form unserer Ökonomie und Gesellschaft werden. Auch das heißt, den ökologischen Imperativ politisch zu verstehen.

Christoph Menke ist Professor für Philosophie an der Universität Frankfurt am Main