Einen Brief innerhalb Deutschlands zu verschicken kostet 30 Gramm CO₂, ein Standardpaket 510 Gramm. Bis zu eineinhalb Kilogramm verursacht die Produktion eines Turnschuhs, je nachdem, wo und mit welchem Strommix er hergestellt wurde. Zum Vergleich: Ein Baum bindet je nach Art und Alter bis zu 30 Kilogramm Kohlendioxid.

Dass Unternehmen heute wissen, wie viel Treibhausgase ihr operatives Geschäft ausstößt, dass sie diese Informationen sogar offenlegen, wäre bis vor Kurzem undenkbar gewesen. "Noch vor wenigen Jahren konnten CO₂-Daten weder genau gemessen noch exakt erfasst, ausgewertet oder gemanagt werden", sagt Caspar von Blomberg, Europa-Chef des Carbon Disclosure Project (CDP), einer gemeinnützigen Organisation, die börsennotierte Unternehmen alljährlich um ihre Ökobilanzen und die Offenlegung ihrer Klimarisiken bittet.

Heute ist Kohlendioxid längst mehr als nur ein Imagekiller für das Ansehen eines Betriebes. CO₂ lenkt Forschungsgelder um, verändert Handelsbeziehungen, zwingt zu Sparmaßnahmen und bedroht etablierte Geschäftsmodelle. Es beeinflusst Kauf- und Investitionsentscheidungen und steuert den globalen Kapitalfluss. "CO₂ ist gewissermaßen so etwas wie eine Währung geworden", sagt Ottmar Edenhofer, Chefökonom des Potsdamer Instituts für Klimafolgenforschung. Das gilt vor allem für Europa, wo es aktuell das einzige funktionierende CO₂-Emissionshandelssystem mit immer knapper werdenden Verschmutzungsrechten gibt.

Wie das geht, das zeigt das CDP, hinter dem 534 institutionelle Anleger mit einem verwalteten Vermögen von mehr als 64 Billionen US-Dollar stehen. Es entstand, weil große Versicherungen und Pensionsfonds ihr Geld in Aktiengesellschaften investieren wollten, die hinsichtlich ihrer CO₂-Risiken zukunftssicher aufgestellt sind. Auch Privatanleger können die Datenbank des CDP mittlerweile für ihre Aktienauswahl nutzen und damit Einfluss auf Unternehmen ausüben.

"Heute ist CO₂ in vielen Konzernen eine feste interne Rechengröße", sagt von Blomberg vom CDP. Vorstellbar ist sogar, dass künftig auf der Kekspackung, dem Fernseher, dem Rasenmäher und an der Käsetheke neben dem Preisschild eine CO₂-Preisangabe klebt , die den Konsumenten darüber informiert, wie viel Kohlendioxid bei der Herstellung des Produkts in die Atmosphäre abgegeben wurde. Der Einzelhandelsriese Wal-Mart in den USA arbeitet bereits an solch einer Produktplakette.

Kohlendioxid als Wettbewerbsfaktor

Welche pädagogische Wirkung solche Messlatten haben, ist auf Unternehmensebene längst zu besichtigen: So müssen Lieferanten ihren Abnehmern Rechenschaft darüber ablegen, welchen CO₂-Fußabdruck sie bei der Herstellung ihrer Produkte hinterlassen haben. Bei sauberer Ökobilanz rechnen die Konzerne mit diesen Daten weiter. Andernfalls tauschen sie den Lieferanten einfach gegen ein Unternehmen mit saubereren Produkten, Verfahren oder Transportwegen aus.

Dass Kohlendioxid zu einem echten Wettbewerbsfaktor geworden ist, liegt nicht in erster Linie am Umweltbewusstsein von Investoren, Verbrauchern oder Firmenlenkern, sondern an den Vorgaben der Politik: Die Erderwärmung soll aufgehalten werden, die Durchschnittstemperatur gegenüber der vorindustriellen Zeit nicht um mehr als zwei Grad Celsius steigen. "Wollen wir dieses Zwei-Grad-Ziel in der Praxis schaffen, dürfen von den weltweit 12.000 Gigatonnen der im Boden liegenden fossilen Energieträger lediglich 230 Gigatonnen in die Atmosphäre abgegeben werden", sagt Professor Edenhofer. Der Großteil Kohle, Öl und Erdgas muss also in der Erde bleiben. Und aus dem einstigen Recht für jedermann, die Luft nach Belieben zu verschmutzen, wird so ein knappes Wirtschaftsgut. In Europa sorgt dafür der seit 2005 laufende Emissionsrechtehandel . Im Jahr 2013 startet die dritte Phase, in der Verschmutzungsrechte nicht mehr nur verschenkt werden, sondern tatsächlich gekauft werden müssen. Dann gilt für die teilnehmenden Länder der EU eine gemeinsame CO₂-Obergrenze, die Schritt für Schritt abgesenkt wird. 2013 dürfen sie noch 1,97 Milliarden Tonnen CO₂ absondern, 2020 nur noch 1,72 Milliarden Tonnen.