Die feste Umarmung, mit der sich Gerhard Schröder und Wladimir Putin neulich in einem Berliner Restaurant verabschiedet haben, mag für manche befremdlich wirken. Indes gibt es seit alters ein Ost-West-Gefälle im Verständnis und Austausch von Zärtlichkeiten unter Männern. Was im Westen, der das Ideal einer heroisch gepanzerten Männlichkeit entwickelte, schon fast als homophil empfunden wird, gilt dem Osten als natürlicher Ausdruck von kameradschaftlicher Nähe und Brüderlichkeit.

Ich erinnere mich noch gut an die aus dem Baltikum vertriebenen Verwandten meiner Großmutter, schwere, pelztragende Männer, die sich unter feuchten Küssen, Tätscheln und Wangenkneifen, gerne auch unter gerührten Tränen und heftigem Schnäuzen ihrer gegenseitigen Sympathie versicherten. Dass diese Leute gleichzeitig in ihrer untergegangenen Heimat schlimme Schürzenjäger gewesen waren, die gewohnheitsmäßig Dienstmädchen und Köchinnen schwängerten (sofern sie nur drall genug waren), galt in der Familie als unstrittig.

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Das Interessante an der Berliner Begegnung ist also eher die Begeisterung, mit der sich der deutsche Machtmensch Schröder, der er doch zumindest in seiner politischen, vielleicht auch erotischen Vergangenheit war, in die östliche Männerkameradschaftsseligkeit sinken lässt. Fast scheint er auf dem Bild den Part des russischen Bären übernommen zu haben und Putin den des zart Überwältigten.

Aber wir wissen, wie die Rollen von Macht und Beute in Wahrheit verteilt sind und dass sich Putin gewiss niemals überwältigen lässt; auch nicht von Schröder. Die sonderbare Freude, mit der Schröder den russischen Präsidenten in seinen Pranken hält, verrät daher wohl eher die überraschte Genugtuung, etwas dermaßen Großes und Gefährliches, das sich sonst jeder Vereinnahmung entzieht, einen bedrohlich glitzernden und niemals verkäuflichen Edelstein gewissermaßen, für einen kostbaren Moment in eigenen Händen zu halten.