Weihnachtslieder vom iPhone, ein paar Fitzel Lametta und billiger Glühwein in den Büroräumen – so knauserig haben die Gäste die BBC noch nie erlebt. Aber selbst eine Weihnachtsfeier bei dem Prestige-Sender Radio 4 steht unter Sparzwang. Innerhalb der nächsten vier Jahre muss Großbritanniens öffentlich-rechtliche Rundfunkanstalt mehr als 300 Millionen Pfund einsparen. Wie soll das gehen? Nichts beschäftigt die Redakteure und ihre Gäste an diesem Abend mehr. Es ist keine Weihnachtsfeier, sondern ein Symposium über die Angst vor der Zukunft.

Eine schicke Bar in Westminster. Champagner gibt es nicht auf der Party von ein paar jungen Abgeordneten der Tories und der Liberaldemokraten, aber immerhin Prosecco und Wein. Nach sieben Monaten an der Macht fühlt sich der Politikernachwuchs selbstbewusst und zuversichtlich. Die Koalitionsregierung, heißt es, habe die Wirtschaft wieder auf den rechten Weg gebracht.

Zwei Weihnachtsfeiern in London, zwei Ansichten zur Lage der Nation. Und wie steht es tatsächlich um die britische Wirtschaft ? Während Europas Aufschwung scheinbar von Deutschland allein gestemmt wird und die Euro-Zone in der Existenzkrise steckt, ist es um Großbritannien still geworden. Das ist ein gutes Zeichen. Die schlimmste Krise scheint überwunden. Noch im Frühjahr wurde das Land mit einem Haushaltsdefizit, das 11,6 Prozent der Wirtschaftsleistung entspricht , in einem Atemzug mit Griechenland und Irland genannt. Die Rating-Agenturen drohten, die Bonität herabzusetzen. Und nach der Parlamentswahl im Mai mussten sich Konservative und Liberaldemokraten dann zu einer Koalition zusammenraufen .

Seither regieren Premierminister David Cameron und sein Stellvertreter von Nick Clegg nach dem Motto: "Jetzt erst recht." Sie kündigten schon nach kurzer Zeit an, innerhalb von vier Jahren 83 Milliarden Pfund zu sparen. Im Durchschnitt haben die einzelnen Kabinettsressorts Kürzungen von rund 20 Prozent hingenommen. Für den öffentlichen Dienst bedeutet dies den Abbau von rund einer halben Million Stellen.

Die Märkte zeigten sich zufrieden. Während Anleihehändler und Rating-Agenturen sich auf Irland konzentrierten, verbreiteten Cameron und Clegg ihr politisches Mantra vom Sparen . Und abgesehen von wütenden Studenten, die seit Wochen gegen die geplante Anhebung der Studiengebühren demonstrieren , hat die Regierung offenbar das ganze Volk in ihren Bann geschlagen. Die Medien romantisieren die Idee von Einschränkung und Entbehrung. Mit Verachtung schauen viele zurück auf die Jahre des hypertrophen Konsums.

Es herrscht eine "Spar-Hysterie". Diese allerdings könnte dem Land zum Verhängnis werden. Die Arbeitslosenquote liegt mehr oder weniger konstant bei 7,7 Prozent. Das Wirtschaftswachstum dürfte in diesem Jahr zwischen 1,4 und 1,8 Prozent betragen. Das ist nicht viel. Ruth Lea, Ökonomin und früher Vorsitzende der Arbeitgebervereinigung IOD, glaubt, dass es weit mehr werden muss, wenn der Plan der Regierung aufgehen und der Privatsektor mehr als eine Million neue Stellen schaffen soll, um den Abbau im öffentlichen Dienst zu kompensieren. "Wer zu viel vom Sparen redet, der hält die Leute vom Konsum ab und führt damit die nächste Rezession herbei", erklärt sie. Die Warnung wird in Teilen der Regierung durchaus ernst genommen. "Unsere politische Botschaft war bisher vielleicht zu negativ", gibt ein Minister zu. "Wir müssen in Zukunft auch von den geplanten Investitionen und Innovationen reden und vor allem kleinen und mittleren Unternehmen Mut zur Expansion machen."