Unlängst lief ich auf der Suche nach dem weltweit bekannten "Mahnmal gegen Faschismus" im Hamburger Arbeiterstadtteil Harburg umher, der in den dreißiger Jahren des letzten Jahrhunderts eine Hochburg der SPD und der KPD gewesen war. Alle Passanten, die ich nach dem Kunstwerk fragte, hatten noch nie davon gehört. Zu ihrer Verteidigung muss erwähnt werden, dass diese Harburger, die nichts über eines der herausragenden Beispiele konzeptueller Skulpturenkunst vor ihrer Haustür wussten, eine gute Entschuldigung haben: Das Denkmal ist seit Langem verschwunden.

Entworfen haben es der aus Berlin stammende Künstler Jochen Gerz und seine in Vilnius geborene Frau Esther Shalev-Gerz. Es besteht aus einer 12 Meter hohen, mit Blei ummantelten eckigen Säule. Auf ihr sollten Anwohner und Besucher – sozusagen als Unterzeichner gegen den Faschismus – ihre Namen einritzen. Sobald der erreichbare Teil des Denkmals mit Unterschriften bedeckt war, wurde er in den Boden eingelassen. Seit ihrer Einweihung am 10. Oktober 1986 wurde die Säule achtmal abgesenkt. Am 10. November 1993 verschwand sie endgültig.

Als ich mit einigem Glück den Standort am Harburger Ring fand, entdeckte ich ein Schild, das das Mahnmal zwar auf sieben Sprachen erklärte – aber Taubendreck hatte es siebenmal unleserlich gemacht. Auf der Messingplakette hatte jemand der guten Ordnung halber noch das Wort "Faschismus" übermalt. Das Gerz-Denkmal ist ein Symbol für die deutsche Selbstverleugnung, es ist ein Denkmal, das sich selbst degradiert. Andes als das "Denkmal für die ermordeten Juden Europas" in Berlin ist das Harburger Denkmal kein Ort, an dem der Besucher verweilen möchte, und es hat sich am Ende selbst ausgelöscht.

Aber als ich nun danebenstand, schien mir die versunkene Säule mehr als nur die Verbindung ethischer Klarheit über die Vergangenheit mit ästhetischer Unsicherheit darüber, wie man diese Vergangenheit darstellen sollte. Sie ist auch mehr als ein Hinweis auf das Verschwinden einer Tradition der Arbeiterklasse: des Gedenkens. Für mich symbolisiert sie leider auch den immer noch in einigen deutschen Herzen wohnenden geheimen Wunsch, dass diese an die deutschen Untaten erinnernden Mahnmale endlich einfach verschwinden mögen. Das Denkmal in Harburg und das von ihm beabsichtigte eindringliche Gefühl von Abwesenheit sind heute ebenfalls zur Erinnerung geworden. Das Konzept des Gerz-Denkmals beruhte auf der Hoffnung, dass eines Tages antifaschistische Mahnmale in diesem Teil der Welt nicht mehr notwendig sein würden. In dieser Hinsicht ist sein einziger Makel vielleicht verfrühter Optimismus.

Der Autor, Jahrgang 1976, lebt in Jerusalem und ist zurzeit als Ernst-Cramer-Fellow des IJP in Deutschland. Aus dem Englischen übersetzt von Christiane Behrend.