"Bei der Homöopathie ist die vertrauensbildende Maßnahme die Anamnese", diagnostiziert der Ärztekammerpräsident Hoppe. "Die hat mehr Wirkung als jedes Medikament, das die Homöopathen verwenden." Und er kritisiert die eigene Zunft: Im üblichen Medizinbetrieb fehle dazu oft nicht nur die Zeit; zudem komme es "nicht selten zu einer verkehrten Folge: Erst den Patienten röntgen, dann Blutuntersuchungen, und wenn dann die Diagnose noch immer nicht feststeht, fragt man den Patienten, an welchen Beschwerden er leidet, und untersucht ihn." Ärztliche Kunst müsse "eigentlich den anderen Weg" gehen. Also: erst reden, dann untersuchen.

Dass die Hinwendung zur Homöopathie eine tiefe Unzufriedenheit mit dem bestehenden Gesundheitssystem widerspiegele, glaubt auch Edzard Ernst, einer der renommiertesten Experten für Alternativmedizin. "Die Popularität der Alternativheiler begründet sich zu einem Großteil durch Kritik am schlechten Verhältnis zwischen Schulmediziner und Patient", sagt der Mediziner, der in Großbritannien an den Universities of Exeter & Plymouth forscht. Das zeige sich auch in Untersuchungen: "Viele Menschen, die zu einem Alternativmediziner gehen, erwarten gar nicht, dass das Mittel effektiv ist, sondern die erwarten menschlichen Kontakt, Empathie, Sympathie, Verständnis und einfach jemanden, der Zeit hat, zuzuhören."

Auf dieser Ebene kann also die Schulmedizin durchaus vom Erfolg der Homöopathie lernen. "Mehr Nähe, mehr Zuneigung, mehr unmittelbare Kommunikation von Mensch zu Mensch, von Auge zu Auge", fordert der Heidelberger Medizinpsychologe Verres. Anders ausgedrückt: Wenn Schulmediziner ihre Patienten im Fünfminutentakt durch die Behandlungszimmer schleusen und ihnen nur wenig Aufmerksamkeit widmen, verschenken sie einen wesentlichen Teil ihrer therapeutischen Wirkung. Und das kann man ihnen noch nicht einmal anlasten: Die Abrechnungsregeln unseres Gesundheitssystems zwingen sie zum Schnelldurchlauf, für ausführliche Patientengespräche gibt es kein Geld.

Ein grundsätzliches Umdenken fordert Hoppe. Der Patient müsse "wieder ernster genommen werden", und zwar schon im Studium. "Ich glaube, wir müssen wieder mehr den Patienten als Menschen in den Fokus der Medizinerausbildung rücken und nicht zu sehr den Patienten als Träger einer Krankheit." Neben medizinischem Wissen brauchten die Studenten vor allem Empathie.

Lässt sich mit all diesen Faktenerwägungen die Popularität der Homöopathie erschöpfend erklären? Vermutlich nicht. Es muss noch etwas anderes geben, das die Menschen scharenweise – geradezu magisch – anzieht. Gerade "das Geheimnisvolle, dass eigentlich keiner richtig erklären kann, wie sie wirken soll", sei ein Erfolgsfaktor der Homöopathie, ist Rolf Verres überzeugt. Stiftung-Warentest-Autorin Krista Federspiel sieht in dem "magischen und spirituellen Touch" eine Stärke, denn genau diese Dimension fehle der Schulmedizin. Für Federspiel ist die Homöopathie sogar ein Glaubenssystem : "Viele Menschen, vor allem die mit größerer Distanz zur Religion, finden in der Homöopathie einen Glaubensersatz." Es fiele leicht, darüber einfach zu spotten. Aber man dürfe das nicht abwerten, meint Verres: "Es ist intelligent, eine spirituelle Dimension im Leben zu sehen."

Den Patienten ist es im Zweifel egal, warum die Homöopathie ihnen hilft. Gilt nicht: Wer heilt, hat recht? Doch was bedeutet "Heilung"? Verschwinden die quälenden Rückenschmerzen nach der Globuli-Gabe tatsächlich – oder fühlt sich der Patient einfach nur besser? In vielen Fällen ist diese Unterscheidung gar nicht so einfach, denn gerade Schmerzerkrankungen enthalten oft eine starke psychosomatische Komponente. Wer ständig in sich hineinhört und seinen Schmerzen Aufmerksamkeit entgegenbringt , verschlimmert sie gerade dadurch möglicherweise noch; wer sich dagegen entspannt und auf eine Linderung einstellt, schafft so erst die Voraussetzungen für mehr Wohlbefinden. Allerdings stellt Rolf Verres auch klar: "Symptomlinderung kann zwar ein Zeichen beginnender Heilung sein, darf aber nicht mit Heilung verwechselt werden." Bei schwerwiegenden Krankheiten kann es geradezu tödlich sein, ihnen mit positiver Erwartung zu begegnen und eine schulmedizinische Therapie zu unterlassen. Deshalb sollte ein guter Homöopath stets wissen, wann er einen Patienten zum Facharzt schicken muss.

Tatsächlich ist der Heilungseffekt der Globuli äußerst dürftig. "Die Datenlage nach 200 Jahren Homöopathie und etwa 200 klinischen Studien ist eindeutig negativ", fasst Alternativmedizinforscher Edzard Ernst zusammen.

Für Curt Kösters, den zweiten Vorsitzenden des Deutschen Zentralvereins homöopathischer Ärzte ist es nichtsdestoweniger "eindeutig, dass die Homöopathie Effekte hat". In seiner Praxis mache er immer wieder dieselbe Erfahrung: "Ich gebe ein Mittel, und es tut sich nichts. Ich gebe ein zweites Mittel, auch das hilft nicht. Erst beim dritten Mittel verändert sich etwas, wird die Krankheit besser – dann aber in engem zeitlichen Zusammenhang mit der Mittelgabe." Was Gegner als zeitlich passende Spontanbesserungen erklären würden, wertet Kösters als eindeutigen Wirknachweis, denn die Linderung sei "reproduzierbar bei einem Rückfall".