Das soll einer der mächtigsten Männer der Welt sein? Manmohan Singh sitzt einfach nur da, als hätte er nichts zu tun mit alldem, was um ihm herum passiert. Neben ihm gestikuliert Nicolas Sarkozy, der französische Präsident. Doch der indische Premierminister würdigt Sarkozy keines Blickes. Die beiden stellen sich im Hyderabad-Haus in Delhi der Presse – einem noch von den Engländern errichteten Prachtbau. Singh starrt nur geradeaus Löcher in die Luft.

Als er endlich spricht, schaut er durch eine dicke Hornbrille auf das Blatt vor ihm und liest ab. Die Fragen der Journalisten beantwortet er jeweils mit einem einzigen, knappen Satz. Zuletzt nimmt er seinen Federhalter auf, steckt ihn in die Brusttasche seines hochgeknöpften, kragenlosen indischen Anzugs und erhebt sich mit kerzengeradem Rücken. Erst jetzt wendet er sich Sarkozy zu, lächelt kurz und geht mit langsamem Schritt voran. Singh ist 79 Jahre alt. Wie immer trägt er seinen hellblauen Turban, der ihn als Angehörigen der Sikh-Minderheit kennzeichnet. Er entfernt sich über den grünen englischen Rasen. Die Hände hält er vor dem Bauch gefaltet.

An diesem Wochenende wird Singh Bundeskanzlerin Angela Merkel in Berlin besuchen. Wie kaum ein anderer internationaler Staatsmann ist der indische Premierminister beliebt im Kreise seiner Kollegen: Repräsentant einer Nation von 1,2 Milliarden Menschen und zugleich fast demonstrativ bescheiden. Nicht einmal im Wahlkampf hat er große Versprechungen gemacht. "Er ist ein Mann von wenigen Worten", sagt seine älteste Tochter Upinder Kaur, die an der Delhi-Universität Geschichte unterrichtet.

Im November war US-Präsident Barack Obama bei Singh zu Gast, ihm werden noch in diesem Monat der chinesische Premier Wen Jiabao und der russische Präsident Dmitrij Medwedjew nach Delhi folgen. Neben Sarkozy und Merkel trifft Singh in dieser Woche José Manuel Barroso, den Präsidenten der EU-Kommission. Singhs Steifheit und Unnahbarkeit verdecken dieser Tage also eine geradezu hektische diplomatische Aktivität.

Dahinter steckt ein Plan. Singh hat ein Ziel. Er sei ein sehr vernunftsbetonter Mensch, sagen seine Berater. So sieht es auch seine Tochter. "Bevor er sich für sein Studium entschied, hatte er ein Buch über die vielen Natur- und Bodenschätze Indiens gelesen. Er fragte sich, warum ein so reiches Land wie Indien so arm sein kann – und studierte deshalb Wirtschaft", erzählt Kaur. Ihr Vater studierte in Cambridge und Oxford. Er war immer ein Musterschüler. Seine Dissertation schrieb er über Exportstrategien für Entwicklungsländer, lange bevor Japan und die Tiger-Staaten damit Erfolg hatten. Früh wurde Singh eine Art erster Ökonom seines Landes: Leiter der nationalen Planungskommission, Chef der indischen Zentralbank.

Seine große Stunde aber schlug Ende der achtziger, Anfang der neunziger Jahre. Die Welt war im Umbruch – und Singh zählte bald zu ihren großen Neugestaltern. Indien, das eine Art demokratischer Planwirtschaft betrieben hatte, war ökonomisch am Ende. In ihrer Not berief die regierende Kongresspartei 1991 Singh zum Finanzminister. Mit einer Reformoffensive, die sich nur mit dem Umbau Chinas seit 1978 vergleichen lässt, öffnete Singh Indiens Märkte für die Weltwirtschaft. Er löste alte Staatsmonopole auf, ließ Zölle senken und Kapitalschranken abbauen. Bis heute betrachten die meisten Inder in ihm den Urheber für Indiens Aufschwung der letzten beiden Jahrzehnte.