In England goss es in Strömen, in Mexiko machte die dünne Luft kurzatmig, in Südafrika war es bitterkalt – bei Fußballweltmeisterschaften hatten Spieler und Zuschauer auch in der Vergangenheit mit klimatischen Widrigkeiten zu kämpfen. 2022 wird es die Hitze sein . Auf gut 40 Grad klettert im Juni und Juli das Thermometer in Katar – und zwar im Durchschnitt, an einzelnen Tagen kann es auch mal 50 Grad heiß sein. Doch in den WM-Stadien wird davon nichts zu spüren sein. Maximal 27 Grad auf Rängen und Rasen verspricht das Organisationskomitee des kleinen Wüstenstaats.

Ein wohltemperiertes Fußballstadion ist technisch weit weniger kompliziert, als es zunächst erscheint. "Wir haben ausschließlich langjährig erprobte Technik eingesetzt", sagt Michael Beaven. Der Umweltingenieur des britischen Planungsbüros Arup hat ein kleines Teststadion mit 500 Sitzplätzen entworfen, das der Fifa-Delegation im September bei einem Besuch in Katars Hauptstadt Doha die Angst vor der Hitze nahm. Während die Sonne noch zwei Stunden zuvor bei 44 Grad aufs Dach geschienen hatte, stand das Thermometer während der Veranstaltung im offenen Ministadion über dem Rasen gerade mal bei 23 Grad.

Im Hintergrund wirkt eine Anlage, die Kälte aus Solarenergie erzeugt. Motorgesteuerte Spiegel auf dem Stadiondach bündeln das Sonnenlicht auf ein Rohrsystem, in dem Wasser auf 200 Grad aufgeheizt wird. In einer Absorptionskältemaschine wird die eingesammelte Energie mithilfe elektrischer Pumpen in Kälte umgewandelt. Mit einem Spezialwachs gefüllte Tanks unter dem Rasen können die in den Mittagsstunden gewonnene Kälte über mehrere Stunden speichern.

Das Stadiondach bleibt in dieser Zeit geschlossen. Erst kurz vor Spielbeginn am frühen Abend wird es geöffnet. Dann blasen Ventilatoren Luft durch den Kältespeicher im Boden direkt unter die Sitzreihen. Von dort sinkt die kühle – und damit schwerere – Luft hinunter auf den grünen Rasen. Gleichzeitig versprühen Düsen am Spielfeldrand Wasser, um die Luftfeuchtigkeit zu regulieren und für zusätzliche Verdunstungskälte zu sorgen.

Der für den gesamten Betrieb benötigte Strom wird in Solarzellen auf dem Dach gewonnen. "Über das Jahr erzeugt solch ein Stadion mehr Energie, als es benötigt", versichert Beaven. Denn die Sonne scheint in Katar fast immer, gespielt wird jedoch nur an wenigen Tagen.

Dasselbe Prinzip soll in den zwölf WM-Stadien für 20.000 bis 85.000 Zuschauer zum Einsatz kommen. Neun davon werden neu gebaut, drei weitere runderneuert. Der Frankfurter Architekt Joachim Schares aus dem Büro Albert Speer & Partner ist zuversichtlich, dass das Konzept im Großmaßstab funktionieren wird. Er hat acht Stadien für Katars WM-Bewerbung entworfen und hofft jetzt darauf, mehrere davon bauen zu können. Auch die Gesamtkoordination der über 700-seitigen WM-Bewerbung Katars lag in Frankfurter Händen. Der Bauingenieur Stefan Klos von Proprojekt war dafür zuständig. "In der Planung konnten wir den CO₂-Ausstoß der WM von 400.000 auf 150.000 Tonnen drücken", sagt er. Enthalten sind darin der Bau und Betrieb aller Stadien, Unterkünfte und Trainingsplätze und der Transport vor Ort, nicht aber die An- und Abreise Zehntausender Spieler, Fans und Offizieller. Doch den dabei anfallenden Klimaschaden will Katar mit weltweiten Investitionen in erneuerbare Energie und Aufforstung ausgleichen.

Kein Winter-Turnier

Geld ist genug vorhanden, das erdgasreiche Katar hat das höchste Pro-Kopf-Einkommen der Welt, steht allerdings auf Platz eins der Liste der größten Klimasünder. Mit 40 Tonnen CO₂ im Jahr erzeugt jeder Katari doppelt so viel Treibhausgas wie ein durchschnittlicher US-Amerikaner, viermal so viel wie ein Europäer und dreißigmal so viel wie ein Inder. Die WM soll jetzt zeigen, dass es sich auch mit weit weniger Klimaschaden in der Wüste gut leben lässt.

Und niemand soll dabei draußen schwitzen müssen. Neben den Stadien sind 32 klimatisierte Trainingsplätze, Teamunterkünfte, Hotels und ein Metrosystem mit Hochgeschwindigkeitstrasse ins benachbarte Bahrain geplant. Für die Fanmeilen sind riesige klimatisierte Hallen vorgesehen. "Dass das Wüstenklima ein Problem für die Fußball-WM sein könnte, ist ein großes Vorurteil", versichert Stefan Klos. Spitzensportler trainieren längst in der katarischen Aspire Academy, einer der größten überdachten Arenen der Welt. Und Klos hat im Sommer ein Spiel von Al-Sadd, der erfolgreichsten Fußballmannschaft Katars, im vereinseigenen Stadion gesehen. "Das ist so stark klimatisiert, da wird Ihnen richtig kühl."

Dass internationaler Turnierfußball bei großer Hitze möglich ist, hat zuletzt die Olympiade 2008 in Peking gezeigt. Beim Endspiel herrschten 42 Grad, doch kein Spieler erlitt einen Hitzschlag. Uter dem Rasen des Vogelnest-Stadions arbeitete eine geothermische Wärmepumpe. Die Medizinabteilung der Fifa hält eine Spielfeldtemperatur von bis zu 29 Grad bei kontrollierter Luftfeuchtigkeit für gesundheitlich unbedenklich. In Katar wird diese Obergrenze nicht erreicht werden.

Deshalb hat der Weltfußballverband umgehend den Vorschlag von Franz Beckenbauer zurückgewiesen, die WM in Katar doch statt im Sommer lieber bei angenehmen 25 Grad Tagesmaximum im Winter auszutragen. "Die Ausschreibung bezog sich auf den Juni, und die Länder haben auf dieser Basis geantwortet", erklärte Fifa-Generalsekretär Jérôme Valcke und beschied die Kritiker: "Der Nahe Osten ist Teil der Fußballfamilie, und die Spieler werden unter normalen Bedingungen spielen." Auch Michael Beaven, der Vater des Demonstrationsstadions, hält nichts von einer Verschiebung des Turniers. "Es wäre echt schade um unsere schöne neue Klimatechnik."