Sie frieren im frühen Winterfrost und skandieren sich warm. Mehr als tausend Aktivisten sind nicht zusammengekommen nahe der chinesischen Botschaft in Seoul.

Ihre Kragen hochgeschlagen gegen den Nordwind, die Schirmmützen ins Gesicht gezogen, klagen sie Asiens aufsteigende Weltmacht an: "Peking ist der Patron der Granatenwerfer in Pjöngjang." Sie haben es immer schon gewusst, manche haben noch selbst im Koreakrieg, 1950 bis 1953, gegen die Nordkoreaner und Chinesen gekämpft oder haben als Kinder unter dem Krieg gelitten. Später schlossen sie sich zur Korea Freedom Federation zusammen. "Als ich vorgestern früh von einem Gewittergrollen geweckt wurde", sagt einer und pocht an seine Brust, "rasten sofort Puls und Herz!"

Lange standen sie mit ihrem tiefen Misstrauen gegen China ziemlich alleine da. Jetzt nicht mehr. Nachdem Pjöngjang am 23. November 170 Salven auf Südkoreas Insel Yeonpyeong abgefeuert hatte, signalisiert die jüngste Umfrage des Asan-Instituts für Politische Studien einen Kälteeinbruch in den Gefühlen gegenüber China. Neun von zehn Südkoreanern seien verärgert bis empört darüber, dass Peking von Neuem eine barbarische Aggression aus dem Norden herunterspiele.

Erst im März war Südkoreas Kriegsschiff Cheonan an der umstrittenen Seegrenze im Gelben Meer explodiert und hatte 46 Matrosen mit sich in die Tiefe gerissen. Im Mai kam eine internationale Kommission zu dem Schluss, dass ein nordkoreanischer Torpedo den Zerstörer versenkt hatte. Pjöngjang stritt das ab. Und Peking forderte "alle Parteien" auf, "Zurückhaltung" zu üben und jede "Eskalation der Lage" zu vermeiden. Seoul bot den Chinesen den Bericht zur Prüfung an – die winkten ab. Diesmal leugnete Nordkorea den Beschuss nicht. Peking aber ermahnte wieder Angreifer und Opfer gleichermaßen. "Die betroffenen Parteien", so Außenminister Jang Jiechi, sollten "Ruhe bewahren und Zurückhaltung üben".

Am Wochenende nach der Kanonade lud sich Pekings höchstrangiger Außenpolitiker Dai Bingguo selbst nach Seoul ein, mit einem großen Gefolge chinesischer Reporter. Zwar dementierten die überraschten Gastgeber später die Nachricht, dass der Besucher die Visite erst 15 Minuten vor seinem Abflug angekündigt habe. Doch die aufdringliche Art, mit der er ohne vorherige Terminabsprache Südkoreas Präsidenten Lee Myung Bak zu sehen begehrte, erweckte den Eindruck, als wolle Nordkoreas großer Bruder in Seoul nach dem Rechten sehen. Präsident Lee ließ den Chinesen wissen, dass es derzeit kaum angebracht sei, die Sechser-Gespräche mit den USA, China, Russland, Japan, Süd- und Nordkorea über Nordkoreas Nuklearprogramm wiederaufzunehmen. Nur wenige Stunden später aber schlug Chinas Regierung auf einer Pressekonferenz im Alleingang vor, dass sich die Sechser-Runde umgehend zu einer Sondersitzung treffen solle.

Mit seinem Verhalten ließ Peking mehrere der durch die Welt geisternden Diplomaten-Depeschen aus der WikiLeaks-Grube gleich wieder zu Makulatur werden. So hatten Repräsentanten Südkoreas in Gesprächen mit westlichen Kollegen den Eindruck erweckt, als könne Seouls Wiedervereinigungspolitik von verschlechterten Beziehungen zwischen Peking und Pjöngjang ausgehen. Wobei die florierenden Wirtschaftsbeziehungen zwischen Südkorea und China noch nachhelfen würden. Doch was seit dem 23. November geschehen ist, zeugt eher für das Wunschdenken und den begrenzten Kenntnisstand dieser Diplomaten.