Diese Nacht ist so finster wie keine andere zuvor, so undurchdringlich, dass auch die emporgereckte Fackel kein Licht zu spenden vermag. Diese Nacht verschlingt fast alles, den Glauben an die Menschen und beinahe sogar das Vertrauen in Gott. Zurück bleibt Entsetzen: die Gewalt, die Drohung, die Schmerzen. Aber darin doch auch Zuversicht, keimende Hoffnung. Denn der Verkaufte und Verratene, der von der Menge Bedrängte, scheint unerschütterlich in diesem Dunkel zu stehen, zart und wehrlos zwar, ungeschützt, aber unverletzlich. Unbeugbar, unbesiegbar.

Kein anderer Künstler hat je ein solch eindringliches, auch melodisches, beinahe hypnotisches Bild dieser finsteren Nacht des Verrats und der in ihr handstreichartig durchgeführten Gefangennahme Christi geschaffen wie der Augsburger Maler Hans Holbein d. Ä. (zirka 1465 bis 1524). Nicht einmal aus dieser von fiebriger Heilssehnsucht geprägten Wendezeit, als die Bilder des leidenden Heilands so außerordentlich florierten, weil die Gläubigen immerzu danach dürsteten, sich mit ihm im Schmerz zu verbrüdern, kennen wir eine vergleichbar konzentrierte, aufs Wesentliche zugespitzte Formulierung des Passionsgedankens. Hier, in diesem steinfarbenen, beklemmend und schicksalshaft um den unbeweglichen Mittelpunkt Jesus Christus wirbelnden Gestaltenreigen vor schwärzester Nacht, ist das Wort wahrlich Fleisch geworden.

Wohl kurz vor 1500 entstand das überragende Meisterwerk der Verdichtung und Vergegenwärtigung. Es gehört zu den zwölf nahezu quadratischen, nicht immer diese höchste Qualität erreichenden Tafeln einer in seltsamer Halb-Grisaille ausgeführten Passionsfolge.

Seitdem sie vor rund hundertfünfzig Jahren gleichsam aus dem Nirgendwo aufgetaucht war und für die landesfürstliche Kunstsammlung in Donaueschingen angekauft wurde, firmiert sie unter dem Namen Graue Passion .

Denn "unbunt", äschern, wie in einer mystischen Vision agieren hier die Gestalten vor einem dunkelblauen oder grünen Hintergrund. Die räumliche Situation ist nur minimal konkretisiert, man erfährt allein das, was unbedingt notwendig ist, um das nahsichtig angelegte, ebenso komplexe wie kunstvoll gruppierte, die Bildfläche bis zu den Rändern ausfüllende Gestaltengewirbel verorten zu können. Im beispiellosen Willen zur Konzentration auf die – inhaltliche wie formale – Essenz des Passionsgeschehens ist hier alles gleichsam kondensiert; selbst die Anzahl der den Erlöser umringenden, ihn wie einen Edelstein fassenden Häscher. Farbig jedoch ist das Inkarnat der Gestalten gefasst, auch das eine oder andere hervorstechende Requisit der Bilderzählung. Und natürlich das Blut des Erlösers. Nirgendwo scheint sein Rot so sehr zu lodern wie auf diesen teils grauen, teils ockerfarbenen, gleichsam fastenzeitlich geläuterten Tafeln.

Sie schmückten einst die doppelseitig bemalten Flügel eines dreiteiligen Altarretabels, in dessen Mitte sich wahrscheinlich die geschnitzte Szene der Kreuzigung erhob. Diese ist heute ebenso verloren wie jegliche Anhaltspunkte zum Auftraggeber und zum ursprünglichen Aufstellungsort des Retabels, aber es liegt nahe, dass dieses für eine Kirche oder ein Kloster der reichen schwäbischen Handelsstadt Augsburg geschaffen wurde. 2003 wurde die Graue Passion von der Stuttgarter Staatsgalerie erworben. In den letzten zwei Jahren ließ man die überaus ramponierten Tafeln aufwendig restaurieren und präsentiert nun, zum größten Entzücken des Publikums, die von Holbein monogrammierte Passion als wiederauferstandenes Meisterwerk aus dem (süddeutschen) Herbst des Mittelalters.

Rund um den Solitär hat man eine große Ausstellung mit etwa 150 Werken eingerichtet. Sie soll eine Ahnung vom kunstgeschichtlichen Kosmos vermitteln, in dem die Passion schließlich ihre exzentrischen, gespenstisch leuchtenden Bahnen zu ziehen begann. Jan van Eyck und Hans Memling, Dürer und Grünewald zählen zu den hier versammelten Künstlern. Angesichts der epochalen Wucht der Grauen Passion wirkt jedoch die überwiegend um kunsthistorische Detailfragen kreisende Unternehmung ziemlich kleinkariert.